Von Benedikt Vogel
In Berlin diskutierten Politiker und Fachleute aus der Schweiz und Deutschland auf Initiative der Schweizer Botschaft über die Zukunft von Bio- und Gentechnologie - und entdeckten Gemeinsamkeiten.
Berlin. Deutschland hat die Gen- und Biotechnologie entdeckt. Das Land, das aus seiner Geschichte lange Zeit eine restriktive Forschungspolitik ableitete, drängt in dem kommerziell viel versprechenden Forschungsbereich an die Weltspitze. Die Wochenzeitung «Die Woche» verlangt unter der Schlagzeile «Heilen durch Klonen», Deutschland müsse dem britischen Vorbild folgen und die Forschung an embryonalen Zellen erlauben, die dereinst die Zucht neuer Blutgefässe, Nervenzellen oder ganzer Organe ermöglichen soll. Der jüngste «Spiegel» feiert in einer Reportage euphorisch die «Goldgräber im Genlabor». Und in Berlin ergingen sich diese Woche 2000 Fachleute an der Branchenkonferenz «Biotechnology 2000» in Zukunftsvisionen.
Der Zeitpunkt hätte nicht günstiger gewählt sein können, als am Mittwoch in
Berlin Wissenschaftspolitiker, Forscher und ein breites Spektrum Interessierter
aus Deutschland und der Schweiz zu der Tagung «Gentechnologie: Königsweg oder
Irrweg der Wissenschaft?» zusammenkamen. Der Schweizer Botschafter in Berlin,
Thomas Borer, und der für Wissenschaft zuständige Botschaftsrat Louis-José
Touron hatten das Symposium angestossen und gemeinsam mit deutschen Partnern
organisiert. Die Veranstaltung begründet eine Veranstaltungsreihe
«Deutschland-Schweiz: Impulse für die Zukunft». Die Tagung kostete rund 35'000
D-Mark, knapp die Hälfte stammt aus dem Departement Dreifuss, einen Teil haben
Sponsoren beigesteuert. Wer bisher für die Öffentlichkeitsarbeit des Schweizer
Botschafters in Berlin nicht immer die volle intellektuelle Anteilnahme
aufbrachte - diesmal kam er auf seine Kosten.
Ernst Ludwig Winnacker, Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft in Bonn
(das Pendant zum «Schweizerischen Nationalfonds»), zeichnete ein differenziertes
Bild der ethischen Abwägungen, die Bio- und Gentechnologie aufwerfen. Einen
positiven Tenor gegenüber dem umstrittenen Forschungsfeld nahm auch Gottfried
Schatz ein, Präsident des Schweizer Wissenschafts- und Technologierats, der den
Bundesrat in forschungspolitischen Fragen berät.
Kritisch äusserte sich hingegen der Schriftsteller Adolf Muschg, der befürchtet,
die «Verhütung des Unguten und Unschönen» konstruiere einen fatalen neuen
Wertmassstab in der Gesellschaft. Skepsis äusserte auch Daniel Ammann,
Geschäftsleiter der «Schweizerischen Arbeitsgruppe Gentechnologie» und Initiant
der 1998 verworfenen «Gen-Schutz-Initiative». Ammann forderte, die mit der
Entschlüsselung des menschlichen Erbguts befassten Forscher («Human Genom Project») sollten sich
bei ihrem ins Kommerzielle pervertierten Selbstverständnis nicht länger auf die
traditionelle Forschungsfreiheit berufen dürfen.
Beispielhafte Dialogkultur
Die gut 100 Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Tagung bekamen ein Stück bester
Debattenkultur aus der Schweiz vorgeführt. Auf den innerschweizerischen
Meinungsbildungsprozess hatte Johannes Randegger, Basler Nationalrat und
Präsident der nationalrätlichen Kommission für Wissenschaft, Bildung und Kultur,
schon in seinem Grusswort abgehoben. Randegger führte dem Publikum vor Augen,
wie die Schweiz in verschiedenen Volksabstimmungen einen breit akzeptierten
Rahmen des heiklen Forschungsbereichs geschaffen hat. Der Politiker und
Novartis-Vertreter erklärte es mit dieser öffentlichen Debatte, dass die
Gentechnologie heute in der Schweiz «von einer Mehrheit deutlich entspannter
beurteilt» werde als zum Beispiel in Österreich. Es widerspreche im Übrigen dem
Klischee einer politischen Schwerfälligkeit, dass die Schweiz heute als einziges
Land weltweit die Xenotransplantation (Übertragung von Tierorganen) gesetzlich
regle.
Am Rande der Tagung verwies Randeggger etwas neidisch auf die
Anstrengungen Deutschlands bei der Förderung von Bio- und Gentechnologie (2001
allein 400 Mio. DM für die Genomforschung). Die gesamten Forschungsaufwendungen
der Schweiz seien im Zeitraum 1993/98 rückläufig gewesen, während Deutschland
oder die USA stark zugelegt hätten. «Wir laufen Gefahr, dass wir die besten
Leute nicht mehr in die Schweiz bringen», meinte Randegger.
Länderübergreifende Fragen
Wolf-Michael Catenhusen, Staatssekretär im Berliner Forschungsministerium, verwies vor dem Plenum auf die grosse Akzeptenz von Bio- und Gentechnologie in Deutschland. Grundlagenforschung und medizinische Anwendungen würden heute von 90 Prozent der Bevölkerung befürwortet. Akzeptanzprobleme bestünden - gleich wie in der Schweiz, Frankreich oder Grossbritannien - bei der grünen Gentechnik, also gegenüber gentechnisch veränderten Lebensmitteln. Ethische Fragen sollten heute länderübergreifend diskutiert werden. Die nationalen Gesetzgebungen müssten gegenseitig abgesprochen werden. Am Rand der Tagung hat Catenhusen dann auch gleich den Schweizer Entwurf für ein Gesetz für genetische Untersuchungen am Menschen angefordert, zu dem die Schweiz im letzten Jahr die Vernehmlassung abgeschlossen hat.
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Letzte Änderung: 2004-11-30 00:00:00