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Warum Gentech Pflanzen auf keinen grünen Zweig kommen

In der heute beginnenden Sommersession berät der Ständerat die gesetzliche Regelung der Gentechnik im ausserhumanen Bereich (Genlex). Im Vordergrund wird die Anwendung der Gentechnik in der Landwirtschaft stehen. Aus diesem Anlass ein Erklärungsversuch über das vorläufige Scheitern der grünen Gentechnik in der Schweiz.
Basel. Die Genlex, die der Ständerat als erste der beiden Parlamentskammern in der Juni-Session behandelt, ist die Antwort der Politik auf das Unbehagen gegenüber der Anwendung der Gentechnik in der Landwirtschaft. Der Anbau von gentechnisch veränderten Nutzpflanzen - Freisetzung genannt - soll auf Gesetzesstufe einer sehr strengen Bewilligungspflicht unterstellt werden. Fragt sich nur, wer überhaupt etwas freisetzen will. Bislang wurde in der Schweiz kein einziges Mal um die kommerzielle Freisetzung von Gentech-Pflanzen ersucht. Alle Gesuche waren wissenschaftlicher Natur, bewilligt wurden allerdings nur zwei zu Beginn der neunziger Jahre. Fast sieht es so aus, als ob da etwas geregelt wird, das kaum jemand will.

Von Thomas Müller
Gleichzeitig ist der Import einiger Nutzpflanzen-Produkte, etwa Mais, der von gentechnisch veränderten Pflanzen stammt, in der Schweiz im Prinzip erlaubt, doch in den Läden sind sie nicht zu finden. Entsprechende Produkte, die Material von Gentech-Pflanzen enthalten, müssten deklariert werden. Es ist deshalb wenig erstaunlich, dass sich in der Politik Kreise regen, die diesen Konsumboykott für politische Profilierungsaktionen nutzen und politisch logisch ein Moratorium für den kommerziellen Anbau gentechnisch veränderter Nutzpflanzen fordern.
Wie ist es zu dieser Situation gekommen? Ausschlaggebend für das vorläufige Scheitern der grünen Gentechnik waren vier Gründe, zwei Gentechnik-interne: die Vernachlässigung der Risikoforschung und ein einäugiger Blick auf die Zielpublika, sowie zwei externe: die parallel verlaufene BSEKatastrophe und die verhängnisvolle Kern-Analogie der Atomkraft und der Gentechnik.

Transformationen in den Labors
Als in der ersten Hälfte der achtziger Jahre die ersten so genannten «Transformationen» gelangen - gemeint war die Einführung von artfremden Genen in Pflanzen -. war die Gentechnologie auf den politischen und öffentlichen Bühnen noch kein Thema. Die Versuche fanden alle im Labor und mit Tabakpflanzen statt, denen als Testgene Resistenzen gegen Antibiotika eingeschleust wurden. Auf diese Weise liess sich der Einbau eines Gens am einfachsten kontrollieren. Das Friedrich-Miescher-Institut in Basel beherbergte einige der weltweit führenden Gruppen auf diesem neuen Forschungsgebiet, darunter auch jene von Ingo Potrykus, der vor zwei Jahren an der ETH Zürich emen Reis entwickelte, der einen erhöhten Gehalt an Beta-Karotin (Vitamin A) aufweist. Gelingt es, den «Golden Rice», wie er mittlerweile genannt wird, in gängige Reissorten einzukreuzen, kann er dazu beitragen, in Entwicklungsländern den grassierenden Vitamin-A-Mangel und die damit verbundene Erblindung zu bekämpfen.
Damals, Mitte der achtziger Jahre, war die Entwicklung einer solchen, zweifellos nützlichen Pflanze eine Illusion, im besten Fall ein Wunschtraum für die ferne Zukunft. Man stritt sich über die richtige Methode, mit welcher Fremdgene möglichst effizient in Pflanzen eingeschleust werden können. Was sich im Labor als praktisch erwiesen hat, sorgte bei der Aussaat auf dem Acker und später auf dem politischen Feld für anhaltende Irritation.

Unerwünschte Resistenzen
Die Antibiotika-Resistenz lebte sozusagen als historisches Artefakt in den Nutzpflanzen weiter, die später auf den Markt kamen. Und lieferten Gentechnikgegnern willkommene Munition gegen die unerwünschten Nutzpflanzen. Der «Schönheitsfehler» und die damit verbundenen hypothetischen Risiken wurden bereits Ende der achtziger Jahre, als die ersten Feldversuche in den USA durchgeführt wurden, heftig diskutiert. Einige Jahre später erschienen die ersten kommerziellen Nutzpflanzen, die sich mit gentechnischer Hilfe gegen bestimmte Unkrautvernichter wehrten, auf dem Markt, und schleppten die für den Anbau überflüssigen Antibiotika-Resistenz-Gene immer noch mit sich. Heute, nach immerhin 20 Jahren Erfahrung sind die Risiken immer noch hypothetisch, einfach weil nichts passiert ist.
Sicherheitstechnisch und gesundheitlich gesehen, sind die Antibiotikum-Resistenzen mit grosser Wahrscheinlichkeit tatsächlich kein Problem, dennoch werden die entsprechenden Pflanzen in der EU ab 2009 verboten, um das unnötige Restrisiko zu vermeiden.
Im Nachhinein entpuppte sich das Beharren auf der züchtungsbedingten Restanz klar als Fehler. Es ermöglichte der Gentechnik-Opposition, den Finger auf ein zwar kleines, aber eben unnötiges Risiko zu legen. Bedenken, die Fremdgene könnten in nicht gentechnisch veränderten Pflanzen gleicher Art auskreuzen oder auf andere Organismen überspringen, wurden nur zögerlich aufgenommen. Noch heute kämpft die Agro-Industrie mit dem Vorwurf, die Risikoforschung vernachlässigt zu haben.
Aus ihrer Sicht ist der Fehler nachvollziehbar. Die Antibiotikum-Pflanzen waren schlicht die Ersten, die funktionierten. Und der Erste zu sein, ist bei einer neuen Technik schliesslich fast immer ein Vorteil. Ende der achtziger Jahre meinte ein hoher Agro-Manager der Ciba-Geigy sinngemäss zu der Problematik: Wenn es nach uns ginge, würden wir den Mais nicht auf den Markt bringen, bis wir die Antibiotika-Resistenz entfernt haben, was aber zwei Jahre dauern könnte. Wenn der Konkurrent Monsanto damit rausgeht, müssen wir nachziehen. Und so kam es dann auch.

Die übergangenen Konsumenten
Der zweite Fehler der Agro-Industrie war, dass sie nur die Produzenten - die Bauern - im Blickfeld hatte, die Reaktionen der Konsumenten aber nicht in Betracht zog oder falsch einschätzte. Den Bauern versprach die Agro-Industrie tiefere Produktionskosten beziehungsweise höhere Gewinne, also genau die Anreize, die einen Landwirt zum Umsteigen auf eine neue Pflanze bewegen.
Die Rechnung ging vorerst, als 1996 in den USA erstmals grosse Flächen bebaut wurden, auch auf. Zwar musste der Bauer mehr für das neue Saatgut bezahlen, er konnte dafür bei den Herbiziden und Insektiziden sparen. Die Agrofirmen kamen auf ihre Kosten, weil sie dem Bauern auch noch ihr Herbizid verkaufen konnten (exemplarisch: Round-up von Monsanto mit Round-up-resistentem Mais von Monsanto). Andere, so genannte Bt-Pflanzen produzieren ihr Insektizid gleich selber, was für die Bauern natürlich verlockend ist, weil die Insektizidkosten dann sinken. Und die Bt-Mais produzierenden Firmen hatten ein wirklich neues Produkt zu verkaufen. Den Konsumenten hingegen brachten die Neuerungen bislang nichts, ausser einem unnötigen, wenn auch hypothetischen Restrisiko wegen den Antibiotikagenen bei gewissen - nicht allen - Pflanzen. Die Agro-Industrie hatte ausser vagen und umstrittenen Umweltschutzargumenten (geringerer Pestizid- und Insektizidverbrauch) keine positiven Argumente zur Hand. In Europa, vorerst weniger in den USA wirkte sich dieser Mangel an Konsumenten-Nutzen stark negativ aus. Im Wesentlichen ist das noch heute so.

Der Rinderwahnsinn greift über
Just in der heissen Phase der Einführung der grünen Gentechnik brach in England und später auch auf dem Kontinent der Rinderwahnsinn aus. Die neue Krankheit verunsicherte die Konsumenten verständlicherweise zutiefst und betraf alle, die Fleisch essen, also die grosse Mehrheit. Die Ursache für die Katastrophe lag letztlich in der jahrzehntelang praktizierten Verfütterung von tierischen Proteinen (von Schafen und Rindern) an Pflanzenfresser (Rinder), eine Form von technologischem Kannibalismus, der bis dahin kaum jemanden gekümmert hatte.
Obwohl der Rinderwahnsinn mit Gentechnik (ausser in der Erforschung der Krankheit) nichts zu tun hat, schürte er die Skepsis gegenüber der gesamten Nahrungsmittelproduktion und zum Teil auch gegenüber den Behörden (vor allem in England) ganz erheblich. Gentechnik-Kritiker nutzten das geschickt aus, indem sie den Rinderwahn ein Stück weit zu Recht als Beispiel für die Rache der Natur und als Folge von ruchlosem Profitstreben und korrupter Politik präsentierten. Analoges drohe, wenn die Gentechnik in der Landwirtschaft überhand nehmen würde.

Die Analogie der Kerne
Die zweite Gentech-externe Ursache für das Scheitern der Gentech-Pflanzen in Europa und besonders in der Schweiz ist die AKW-Technologie mit ihrem GAU 1986 in Tschernobyl. Dass der GAU indirekt mithalf, der grünen Gentechnik den Weg zu verbauen, ist eine gewagte These, doch hat sie einiges für sich. Zum einen ist die Opposition gegen AKW und Gentechnik personell eng verflochten. In der Schweiz exemplarisch durch die Baslerin Florianne Koechlin, die zuerst in der Anti-AKWOpposition aktiv war und dann in die Gentech-Opposition wechselte. Sie hatte bereits Mitte der achtziger Jahre die politische Relevanz der Gentechnik bei Pflanzen erkannt und hat sich heute - wie immer an der Front des Geschehens - der Stammzellentechnologie zugewandt. Generell haben Umweltbewegungen, die sich in den siebziger und achtziger Jahren gegen den Bau von AKW gewandt haben, die Gentechnologie als neues oder zusätzliches Oppositionsfeld besetzt.
Aus ideologischer Sicht ist die Parallel-Opposition nachvollziehbar. In beiden Fällen sind die «Gegner» grosse Konzerne, welche Technologien vorantreiben, die schwer einschätzbare Risiken in sich bergen. In der Atomtechnologie ist es vor allem das potenzielle Schadenausmass, das Angst macht. Bei der Gentechnologie das mangels Erfahrungswerten unbekannte Risiko, das aus Sicht der Umweltbewegungen unbedingt vermieden werden soll. Auch auf der symbolischen Ebene gibt es Verwandtschaften: Beide Technologien vergreifen sich in gewisser Weise an der Natur. In der Atomtechnik spaltet der Mensch die Kerne der Atome, die Konstruktion von Atombomben und ein explodiertes AKW in Tschernobyl waren die Folgen. Bei der Gentechnik spaltet er die Kerne der Zellen, wo sich die Erbsubstanz findet, die manipuliert wird. Die Folgen - so wird suggeriert - könnten schrecklich sein: neue Biowaffen, neue Krankheiten und neue Superunkräuter würden über die Welt hereinbrechen, lauten die Unheilsverkündungen. Die vereinte Atom- und Gentech-Opposition nützt die Analogie der Kerne geschickt aus, um Skepsis und Misstrauen zu schüren. Sachlich ist der Analogieschluss allerdings verfehlt, weil die Technologien nun wirklich nichts miteinander zu tun haben. Doch um den Keim der Skepsis von der einen auf die andere Technologie aufzupropfen, genügt das.

Auf höchster Ebene
Mittlerweile hat die Verwirrung auch die höchste politische Ebene erfasst. Bundespräsident Moritz Leuenberger, Vorsteher des mit grüner Gentechnik befassten Departementes für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation, stellte in einem Vortrag die Atomtechnologie und die Gentechnologie in einem Atemzug als «Grossrisiken für die Menschheit» dar. Kein Wunder, wollte er die kommerzielle Freisetzung von Gentech-Pflanzen einem Moratorium unterstellen.
Doch nicht nur in der Schweiz, auch in Deutschland wird die Analogie von höchster Warte aus verwendet. Bundespräsident Johannes Rau warnte in seiner vielbeachteten Rede vom 18. Mai («Wird alles gut? Für einen Fortschritt nach menschlichem Mass») vor den Verheissungen der Lebenswissenschaften in der Medizin, indem er auf die nicht eingelösten Versprechen und unterlassenen Problemlösungen durch· die Atomtechnologie hinwies. In den letzten zehn Jahren ist die Gentechnologie zur am schärfsten beobachten Technologie aller Zeiten geworden. Ergebnis dieser Beobachtung und des verbundenen Unbehagens ist eine strenge Regelung der Gentechnologie bei Pflanzen in ganz Europa (in der EU herrscht nach wie vor ein Defacto-Moratorium). Im Moment sieht es ganz danach aus, als ob die grüne Gentechnik in Europa stirbt, bevor sie sinnvolle Früchte trägt.

«Courant normal»
Politisch betrachtet ist das «courant normal». Die Politik hat nichts anderes getan, als das Unbehagen und die Angste in der Bevölkerung - ob diese nun gerechtfertigt sind oder nicht - ernst zu nehmen und in mutmasslich mehrheitsfähige Gesetzesnormen zu giessen. Als Folge davon wird die Anwendung der grünen Gentechnik in der Schweiz ziemlich geknebelt, so dass es auf absehbare Zeit zu keinen kommerziellen Anpflanzungen kommen dürfte. Selbst Versuchsfreisetzungen werden einen schweren Stand haben, vor allem wenn die Rufe nach einem partiellen Moratorium im Parlament gehört werden sollten. Auch aus wirtschaftlicher Sicht gibt es eigentlich nichts zu klagen. Die Gentechnik bei Pflanzen ist ein prächtiges Beispiel dafür, wie der via Deklarierungen regulierte Markt angeblich so mächtige Konzerne wie Monsanto oder Novartis (heute Syngenta) ins Leere laufen lassen kann. Unter diesen Umständen werden sich wahrscheinlich zwei oder gar drei Märkte bilden. Einer für Gentech-Pflanzen, einer ohne und einer für «Bio-Anbau». Beklagenswerrist die Entwicklung allerdings aus wissenschaftlicher Sicht. Die Politik hat überreagiert, indem sie im Nachgang zur abgelehnten Gen: schutz-Initiative die grüne Gentechnik zu etwas momentan Unerwünschtem deklariert und dieser so möglicherweise die Zukunft verbaut: In der Schweizer Forschungslandschaft droht jedenfalls ein langfristig nach wie vor interessantes und potenziell ertragreiches Forschungsfeld auszutrocknen, just in dem Moment, als - in der Schweiz - mit dem Vitamin-A-Reis eine sinnvolle Züchtung gelungen ist.

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