Basler Zeitung, 8.6.99
Von Eva Herrmann
Ein vorläufiges Verbot für die Herstellung und Vermarktung von gentechnisch veränderten Organismen verlangen 28 Bürgerinnen und Bürger im Rahmen des Publiforums "Gentechnik und Ernährung". Doch trotz dieser deutlichen Schlussfolgerung bleiben viele Fragen offen.
Bern. Ein Moratorium "über Herstellung und Vermarktung von genmanipulierten Organismen" empfahlen die 28 Bürgerinnen und Bürger am Montag an der Präsentation ihres Schlussberichtes in Bern. Die Laien begründen ihre Schlussfolgerung mit dem ungenügenden Stand der wissenschaftlichen Kenntnisse: Sie könnten nicht ausschliessen, "dass spezifische, aus genmanipulierten Organismen entstandene Risiken existieren". Risiken, von denen zurzeit nicht beurteilt werden könne, ob sie tragbar seien oder nicht.
Insgesamt sieben Tage hatten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Publiforums
"Gentechnik und Ernährung" zuvor diskutiert. Am Wochenende befragten sie mehr
als ein Dutzend Fachleute - und bis eine halbe Stunde vor der Präsentation
rangen sie hinter verschlossener Türe um ihren Schlussbericht. Die Emotionen
gingen hoch. Mit 15 gegen 13 Stimmen entschieden sie sich schliesslich für die
Schlussfolgerung als Hauptempfehlung. Doch ob das geforderte Moratorium nun
fünf, zehn oder fünfzehn Jahre dauern soll, blieb offen. "Da haben wir uns nicht
einigen können."
Richard Braun, Präsident der Gensuisse, schüttelt ob diesem Moratorium nur den
Kopf. "Ein Moratorium ohne Definition von Inhalt ist wertlos", kommentiert er
gegenüber der BaZ die Empfehlung der Laien. "Man muss den gesamten
Schlussbericht lesen", kontert Nationalrätin Ruth Gonseth (GP, BL). Für sie ist
klar, dass das Moratorium so lange bestehen soll, bis die Unbedenklichkeit von
Gentech-Nahrung geklärt sei. Einig zeigten sich die Bürgerinnen und Bürger in
ihren Empfehlungen zu einzelnen Themenbereichen, beispielsweise zu den
Auswirkungen der Gentechnik in der Dritten Welt oder zur Überwachung von
gentechnisch veränderten Nahrungsmitteln. Ein Monitoring sei auch nach der
Zulassung notwendig, so die Forderung. Die Risikoforschung solle gefördert
werden. Zudem sei die "finanzielle Unabhängigkeit der Forschung" zu
gewährleisten. Und falls doch bei einem Lebensmittel negative Auswirkungen
festgestellt würden, müsse sichergestellt sein, dass ein Rückzug "sofort in die
Wege geleitet werden kann".
Ein allgemeines Zurück aus der Gentechnologie gibt es nach Ansicht der Mehrheit
des Bürgerpanels in der Schweiz nicht mehr, "da dies zu grossen wirtschaftlichen
Nachteilen führen würde". Vordergründig müsse allerdings geklärt werden,
inwiefern ein Bedürfnis am Einsatz gentechnisch veränderter Organismen in der
Schweiz bestehe.
Gentechnik-Schadenfonds
Bei der Haftung für allfällige Schäden begrüsst das Publiforum eine Verschärfung
der Haftungsregelungen. Zudem regen die Bürgerinnen und Bürger einen
Gentechnik-Schadensfonds an, der Schäden beispielsweise dann decken soll, wenn
die Forderung bereits verjährt ist. "Der Fonds soll von den Inhabern der
Betriebe und Anlagen finanziert werden", so die Forderung. Für Schäden soll "der
Verantwortliche (z.B. Produzent) auf jeden Fall rechtlich belangt werden
können".
Gerade diese auf den ersten Blick klare Empfehlung zeigt ein Grundproblem des
Publiforums auf. Denn auf die Nachfrage, ob in einem Schadenfall nun der
Produzent (somit der Bauer) oder der Saatguthersteller haften solle, konnten die
Bürgerinnen und Bürger keine Antwort geben. Der Bericht entstand innert 24
Stunden - für solche Diskussionen blieb keine Zeit.
Unklarheit bei Deklaration
Eine fundierte Debatte unter den Laien hat beim Verfassen des Schlussberichtes
nicht stattgefunden. Das daraus folgende Dilemma zeigt sich klar bei der
Deklaration. Damit Konsumentinnen und Konsumenten gentechnisch veränderte
Nahrungsmittel von konventionellen problemlos unterscheiden können, fordert das
Publiforum "die Schaffung eines deutlichen GVO-Labels". Sollen nun anders als
bisher vorgesehen auch Öle und Vitamine, die bisher nicht deklariert werden
müssen, gekennzeichnet werden? Oder sind die Schweizer Behörden mit ihrer
Deklaration auf dem richtigen Weg? Diese brisanten und auf der politischen
Agenda hochaktuellen Fragen lassen die Bürger offen.
Man dürfe nicht vergessen, dass es sich um einen Bericht von Laien handle,
erklärt Bernadette Oehen vom WWF. Ungenauigkeiten und bisweilen Widersprüche im
34-seitigen Dokument sind für sie kein grundsätzliches Problem: "Der Trend zeigt
deutlich, dass die Bürgerinnen und Bürger einen vorsichtigeren Umgang mit der
Gentechnik wünschen", so ihre Interpretation des Schlussberichtes. Auch Beat
Hodler von der Föderation der Schweizerischen Nahrungsmittel-Industrien liest
daraus eine Grundstimmung nach dem Motto "was ich nicht weiss, macht mir Angst".
Doch für ihn ist klar, dass der Bericht nicht auf die Moratoriumsforderung
reduziert werden darf. Er betont besonders einige differenzierte Vorschläge -
beispielsweise das dringend notwendige Monitoring oder auch die Anregung der
Bürger, einen Fonds zu schaffen für die "neutrale Information des Publikums über
GVO".
Zerstrittene Fachleute
Wie zerstritten auch Fachleute in der Beurteilung von Chancen und Risiken von Gentech-Nahrung sind, haben die Laien bei den Befragungen selber erlebt. "Verschiedene Experten hätten wir im nachhinein, nachdem wir sie gehört haben, wohl nicht mehr eingeladen", so die pointierte Stellungnahme einer Teilnehmerin. Wer dennoch eine solch "neutrale Information" leisten könnte, liessen die Bürger offen. Sie verwiesen einzig darauf, dass auch sie von den Organisatoren des Publiforums, der Gruppe für Technologiefolgen-Abschätzung des Schweizerischen Wissenschaftsrats, offen und transparent informiert worden seien.
Arbeit hat erst begonnen
Die Arbeit für die Organisatorinnen und Organisatoren des Publiforums hat mit dem Veröffentlichen des Laienberichtes erst begonnen. Man werde mit den zuständigen parlamentarischen Kommissionen den Bericht diskutieren, betonten die Verantwortlichen. Zurzeit scheinen sich jedoch die Politikerinnen und Politiker nicht sehr für GentechNahrung und die Meinung der Bürgerinnen und Bürger zu interessieren. Ausser der Referentin Ruth Gonseth zeigte sich trotz des sessionsfreien Montagmorgens kein Parlamentarier an der Präsentation.
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Letzte Änderung: 2004-11-30 00:00:00