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Bundesrat Leuenberger provoziert Gen-Streit

Gentechnologie
Berner Zeitung, Samstag, 27. November

Umweltminister Leuenberger will trotz dem Nein zur Genschutz-Initiative den Anbau gentechnisch veränderter Pflanzen verbieten. Die Gen-Lobby wirft ihm Missachtung des Volkswillens vor.

Denis von Burg
Umweltminister Moritz Leuenberger geht in Sachen Genschutz aufs Ganze und überrascht selbst Gentech-Kritiker. «Ich bin angesichts des enormen politischen Drucks positiv erstaunt», sagt Konsumentenschützerin Simonetta. Staunen auch bei der Gentech-Lobby, allerdings unter ganz anderen Vorzeichen: «Das ist ein Skandal,» sagt Anita Holler, Geschäftsführerin der «Stiftung Gen Suisse». Was Leuenberger vorschlägt, ist tatsächlich brisant. Weniger als anderthalb Jahre, nachdem die Genschutz-Initiative und damit ein Verbot für die Freisetzung gentechnisch veränderter Organismen vom Volk verworfen wurde, will der Umweltminister den Anbau gentechnisch veränderter Pflanzen trotzdem und per Gesetz verbieten.
Das geht aus der der BZ vorliegenden Botschaft des Departementes Leuenberger so genannten Gen Lex hervor: «Der kommerzielle Anbau gentechnisch veränderten Saatguts und andere Formen direkter Freisetzung in die Umwelt sowie Freisetzungsversuche, die nicht der Forschung dienen, werden verboten», heisst es dort. Vom Grundsatzverbot ausgenommen sind bloss «Freisetzungsversuche zu Forschungszwecken».
Leuenberger will zudem die Schraube auch bei der Bewilligungspraxis für den erlaubten Einsatz von gentechnisch veränderten Organismen - Forschungsanbau und die Zulassung von Gentech-Lebensmitteln, -Futtermitteln und -Medikamenten - anziehen. Er verlangt, dass für derartige Produkte der Nachweis eines «Nutzens für die Allgemeinheit»erbracht werden muss.

Streit im Bundesrat
Mit seinem Gentechverbot wird Leuenberger Streit im Bundesrat provozieren. Dort stehen die Zeichen auf Sturm. Zumindest im Volkswirtschaftsdepartement (EVD) von Bundesrat Pascal Couchepin, wo man sich um den volkswirtschaflichen Schaden eines rigiden Verbotes sorgt, baut sich Widerstand gegen die Pläne des Umweltministers auf. Im EVD war man schon ungehalten als Leuenbergers Bundesamt für Umwelt, Wald und Landschaft im letzten Sommer von einem 10-jährigen Gentech-Moratorium sprach. Dass Leuenberger selbst die Vorlage noch mal verschärfte, löst dort nur ungläubiges Kopfschütteln aus. Couchepins Beamte sind derzeit daran, ihrem Chef die nötigen Unterlagen zusammenzustellen, mit denen er dem Umweltminister Paroli bieten will. Konkret mag sich aber niemand zum Thema äussern. «Die Sache ist zu heikel, heisst es: No comment» Die Stimmung ist gespannt, und auch das Departement Leuenberger mag sich nicht erklären.

Neue Gentech-Debatte
Während man im Bundeshaus beharrlich schweigt, um den in letzter Zeit ohnehin schon brüchigen Bundesratsfrieden nicht noch mehr zu strapazieren, provozieren Leuenbergers Pläne jetzt schon eine Neuauflage des Gentechstreits. Die freisinnige Aargauer Nationalrätin Christine Egerszegi, die an vorderster Front gegen die Genschutz-Initiative antrat, «krempelt die Ärmel» jetzt schon hoch: «Was Leuenberger fordert, ist unbegreiflich und ein Rückfall in ideologische Grabenkämpfe.» Der sozialdemokratische Umweltminister wolle sich wohl bei seiner Partei rehabilitieren, nachdem er wegen seines Engagements gegen die Genschutz-Initiative von seinen Genossen heftig kritisiert worden war. Und auch die Gentech-Lobby steht Gewehr bei Fuss: «Gen Suisse»-Geschäftsführerin Anita Holler wirft Leuenberger vor, er missachte den Volkswillen. Und auch Conrad Engler, Geschäftsführungsmitglied der Interparma, dem Interessenverband «der forschenden pharmazeutischen Firmen», findet keine guten Worte für den Umweltminister: «Leuenberger will die gescheiterten Anliegen der Genschutz-Initiative durch die Hintertür wieder einführen.» Leuenbergers Pläne seien «absurd», ein Verbot bedeute «ein wirtschaftspolitisch verheerenden Signal für die Attraktion des Produktions- und Forschungsplatzes Schweiz. Zudem, so Engler, sei «Leuenbergers Vorlage weder EU- noch WTO-kompatibel».

Sukkurs für Leuenberger
Auf der anderen Seite stellen sich Gentechkritiker präventiv hinter Leuenberger. Simmonetta Sommaruga: «Leuenberger ist nur konsequent. Ein Verbot liegt im Trend, die Schweiz ist überhaupt nicht isoliert.» Tatsächlich wächst in der Schweiz und international die Skepsis gegen Gentech-Food: Umfragen zeigen eine zunehmende Ablehnung von gentechnisch veränderter Nahrung. Und mehrere europäische Länder wie Österreich, Dänemark und Frankreich praktizieren ein De-facto-Verbot. Ein gesetzliches Verbot besteht aber auch dort nicht. Auch landwirtschaftspolitisch sei Leuenbergers Haltung nur logisch, meint Sommaruga: «Eine Öffnung für Gentechsaatgut bedeutet das Ende der Biolandwirtschaft und stände im Gegensatz zur Schweizer Landwirtschaftspolitik. Und beim Bauernverband, der schon seit einiger Zeit ein 5-jähriges Gentech-Moratorium verlangt, ist man nicht unglücklich. «Wenn das Wissen um die Gentechnologie gesichert sei», meint Lorenz Bösch vom Bauernverband, «kann das Gesetz ja wieder geändert werden.»

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