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Interview mit Norman Borlaug zur Grünen Gentechnik (Auszug), April 2008

Sorgt man mit dem Kauf von Bioprodukten für eine bessere Welt? In dem Buch "Biokost und Ökokult" hinerfragen die Autoren Dirk Maxeiner und Michael Miersch kritisch, ob Bioprodukte tatsächlich gesünder und umweltverträglicher sind.

Im 14. Kapitel des Buches wird ein Interview mit Norman Borlaug wiedergegeben. Norman Borlaug erhielt 1970 den Friedensnobelpreis für seine Bestrebungen und Arbeiten zur Verbesserung der Landwirtschaft und gilt als Vater der "grünen Revolution".

Mit freundlicher Genehmigung der Autoren publizieren wir einen Teil des Interviews, in dem Borlaug über die Grünen Gentechnik spricht. Das komplette Interview ist im Buch nachzulesen.

http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/das_buch_ist_da/

Buch Piper Biokost & Ökokult Biokost und Ökokult
Welches Essen ist wirklich gut für uns und unsere Umwelt
Von Dirk Maxeiner & Michael Miersch
Piper Verlag, München 2008
ISBN 978-3-492-05100-2
240 Seiten,
25,90 CHF


FRAGE: Kommen wir mal vom Thema "Entwicklung" zum Thema "Umwelt". Die Grüne Revolution hat zu höheren Erträgen geführt. Aber der Preis waren Monokulturen und der Einsatz von mehr Agrarchemikalien.

BORLAUG: Als ich vor 92 Jahren geboren wurde, lebten 1,6 Milliarden Menschen auf der Welt. Nun sind es 6,5 Milliarden und jedes Jahr kommen 75 Millionen neue Erdenbürger hinzu, die Essen wollen. Wir können die Uhr nicht zurückdrehen. Mit der Agrartechnik die 1950 üblich war und die ziemlich dem Bio-Landbau von heute entspricht, bräuchten wir 1,1 Milliarden Hektar Ackerfläche mehr, um die 2,2 Milliarden Tonnen Getreide zu erzeugen, die 70 Prozent der Welternährung sicherstellen. Durch Wissenschaft und Technik haben wir den Ertrag pro Hektar in fünfzig Jahren verdreifacht. Durch diesen Erfolg musste das Ackerland in gleichen Zeitraum nur um zehn Prozent ausgeweitet werden. Was wäre mit den Wäldern, den Steppen den Wildtieren geschehen ohne diesen wissenschaftlichen Fortschritt? Alles wäre unter den Pflug gekommen, um das nötige Getreide zu produzieren.

FRAGE: Wäre Bio-Landbau nicht besser für den Planeten?

BORLAUG: Unsinn. Das hieße, dass wir den Nutztierbestand verfünffachen oder versechsfachen müssten, um den notwenigen Dünger zu gewinnen, den wir für die Ackerböden brauchen. Der Pflanze ist es schnurz egal, ob der Stickstoff den sie braucht, aus dem Sack mit Kunstdünger kommt oder aus dem Kuhstall. Ohne Kunstdünger könnte die Landwirtschaft weltweit nur 2,5 bis drei Milliarden Menschen ernähren. Das bedeutet, die Hälfte der Menschheit müsste sterben. Ich frage mich, wo die Freiwilligen dafür herkommen sollen?

FRAGE: Was halten Sie von der Grünen Gentechnik? Es ist doch gegen die Natur Gene von unterschiedlichen Arten zu kombinieren.

BORLAUG: Mutter Natur ist Gentechnikerin. Sie hat nur Jahrtausende und länger gebraucht, um die Kreuzungen durchzuführen. Es ist nicht unnatürliches dabei, wenn man Gene zwischen taxonomischen Gruppen bewegt. Nach zehn Jahren kommerziellem Anbau von gentechnisch veränderten Pflanzen, gibt es keinen nachgewiesenen Schadensfall, der durch diese Technologie hervorgerufen wurde. Das ist ein erstaunlicher Sicherheitsrekord, speziell für eine neue Technologie. Stellen sie sich vor in den ersten zehn Jahren der Fliegerei hätte es keine Unfälle gegeben. Das Problem ist, dass die Reichen und Verwöhnten eine Null-Risiko-Gesellschaft wollen. Aber es gibt kein Null-Risiko in der biologischen Welt. Wir sollten aufhören so überängstlich zu sein.

FRAGE: Aber es sind doch hauptsächlich die großen Agro-Konzerne, die von der Gentechnik profitieren, weil die Bauern die patentierten Samen immer wieder neu kaufen müssen.

BORLAUG: Nein. Wir hätten nicht 102 Millionen Hektar Ackerland mit gentechnisch veränderten Pflanzen auf der Welt, wenn die Bauern keinen Vorteil davon hätten. Ich mache mir aber auch Sorgen über die mögliche Konzentration von Besitzrechten an Pflanzensorten in den Händen relativ weniger Firmen. Wir brauchen mehr gemeinnützige Forschung, damit dies nicht so kommt.

FRAGE: Wie beurteilen sie das Restrisiko, dass gentechnisch veränderte Lebensmittel sich doch als gesundheitsschädlich herausstellen?

BORLAUG: Möglich ist alles. Ist es wahrscheinlich? Nein. Wenn es passiert werden die Anwälte ein Fest feiern.

FRAGE: Und was ist mit dem Umwelt-Risiko? Zum Beispiel könnte eine der veränderten Pflanzen sich unkontrolliert vermehren, ihre Samen ausstreuen und überall gedeihen, wo man sie nicht haben will.

BORLAUG: Noch mehr Paranoia. Noch mehr Suche nach der perfekten, risikolosen Welt. Absoluter Quatsch.

FRAGE: Einige der neuen Sorten enthalten ein Bakterien-Gen, das sie vor Schadinsekten schützt. Das wird vermutlich zur der Entwicklung von Insekten führen, die gegen das Bakterium resistent sind. Was halten Sie von dieser Gefahr?

BORLAUG: Natürlich werden immer sinnvolle Regelsysteme und Wissenschaft gebraucht. Bisher wurde das auch erreicht. Die natürlichen Feinde unserer Nutzpflanzen unterliegend der Evolution. Das ist eine Grundbedingung der Pflanzenzucht, egal ob mit Gentechnik oder ohne. Wenn man nicht schneller ist als sie, bekommen sie die Oberhand. Es gibt immer die Möglichkeit, das Insekten und Krankheitskeime sich verändern und die Pflanze erneut angreifen. Folglich sind neue Genkombinationen und die Erweiterung des genetischen Spektrums wichtige Instrumente eines dauerhaften Pflanzenschutzes. Bei den besagten Pflanzen mit den eingebauten Eigenschaften des BT-Bakteriums, wurden mehrere Gene aufeinander ~gestapelt~, so dass die Widerstandkraft der Pflanze erheblich zunahm. Weitere neue Kombinationen der BT-Gene werden in Zukunft notwendig sein, um die mutierenden Insekten in Schach zu halten. Außerdem ist es wichtig, dass zwischen den Feldern auch weiterhin Flächen mit den alten Pflanzensorten angebaut werden, damit kein evolutionärer Druck auf die Schadinsekten entsteht, bessere ~Waffen~ zu entwickeln.

FRAGE: Was werden die nächsten Entwicklungen der Grünen Gentechnik sein?

BORLAUG: Die nächste Generation von gentechnisch veränderten Pflanzen wird verbesserte Nährstoffgehalte haben, zum Beispiel weniger Cholesterin, mehr Mineralstoffe und Vitamine. Diese Pflanzen stehen kurz vor der kommerziellen Anwendung. Dann folgen solche, die besser mit klimatischem Stress klarkommen (inklusive solchem, der durch globale Erwärmung entstehen könnte). Das heißt konkret: Verträglichkeit gegenüber Hitze, Kälte, Salzböden und Dürren. Diese Sorten sind noch etwas zehn Jahre von der kommerziellen Anwendbarkeit entfernt.

FRAGE: Und welche Eigenschaften werden aus Ihrer Sicht am dringendsten gebraucht?

BORLAUG: Die Funktionen, die ich eben genannt habe, wie Dürre-Resistenz, werden dringend gebraucht. Entwicklungsländer benötigen solche verbesserten Sorten, damit der jährliche Ernteertrag verlässlicher wird. Die BT-Baumwolle ist ein großer Segen für die Baumwolle produzierenden Länder. Sie senkt die Kosten, verringert die Umweltbelastung und ist besser für die Gesundheit der Bauern, weil sie weniger Pestizide einsetzen müssen. Sorten die trotz agroklimatischen Stressbedingungen die Nährstoffe des Bodens besser aufnehmen würden die Notwendigkeit es Düngens reduzieren. Wenn es gelingt, solche Pflanzen zu entwickeln, wäre das ein Riesendurchbruch und sicherlich ein großer Erfolg. Beständigkeit gegen Dürre, Hitze und Salzböden würde in erster Linie den Kleinbauern zugute kommen, die unter schlechten Bedingungen arbeiten müssen und heute am stärksten von Mangelernährung betroffen sind. Verbesserte Nährstoffeigenschaften haben auch ein hohes Potenzial, aber die Verbraucher in den reichen Ländern werden sie teilweise ablehnen.

FRAGE: Können sie erklären warum viele Westeuropäer so ängstlich gegenüber der Grünen Gentechnik sind, und die Amerikaner die Sache viel cooler nehmen?

BORLAUG: Im Jahr 2000 habe ich an einem europäisch-amerikanischen Biotechnology Consultative Forum mitgearbeitet, das von Präsident Clinton und Herrn Prodi, dem Präsidenten der Europäischen Kommission, ernannt worden war. Es sollte das ganze Spektrum von Themen untersuchen, die dazu geführt haben, dass auf beiden Seiten des Atlantiks so unterschiedlich über Grüne Gentechnik gedacht wird. Es gab in dem Gremium Meinungsverschiedenheiten über Regeln und Gesetze und die Notwendigkeit einer Kennzeichnungspflicht. Aber die meisten der zwanzig Experten aus Europa und Amerika waren sich einig, dass die Grüne Gentechnik zu bedeutenden Fortschritten im 21. Jahrhundert führen werde. Die angesehensten Akademien Nordamerikas und Europas, inklusive des Vatikan, haben erklärt, dass sie die Grüne Gentechnik begrüßen, weil dadurch die Verfügbarkeit und Qualität von Nahrungsmitteln verbessert wird.

FRAGE: Das sind die Wissenschaftler, aber im Rest der europäischen Gesellschaft sind die Vorbehalte doch erheblich.

BORLAUG: Es gab schon immer Menschen, die sich gegen den Fortschritt stellten. Überraschend ist allerdings die Heftigkeit einiger Reaktionen, zum Beispiel das Zerstören von Feldern. Das hat mich verwundert, wo doch gerade die Grüne Gentechnik viele Umweltvorteile bringt, zum Beispiel, dass weniger Pestizide eingesetzt werden müssen. Grüne Gentechnik ist keine Hexerei sondern Pflanzenzucht auf molekularer Ebene. Es ist eine fortschrittliche Methode, um die Kräfte der Natur zum Wohle der menschlichen Ernährung zu nutzen. Die Idee diese neue Technik zu unterdrücken bis endgültig bewiesen ist, dass sie vollkommen harmlos ist, ist unrealistisch und nicht klug. Wissenschaftlicher Fortschritt bringt immer ein gewisses Risiko mit sich. Null biologisches Risiko ist nicht erreichbar.

FRAGE: Verstehen Sie die ablehnende Haltung vieler Europäer?

BORLAUG: Ich finde die heftige Reaktion vieler Europäer schwer verständlich. Vielleicht liegt es teilweise daran, dass man fürchtet multinationale Konzerne könnten über Patente Herr über das Getreide werden. Teilweise wurden die Proteste auch von Leuten angeheizt, die den Kapitalismus grundsätzlich ablehnen. Eine generelle Fortschrittsfeindlichkeit spielt sicherlich auch eine Rolle. Und nach dem BSE-Problem misstrauten viele Verbraucher ihren Regierungen und Behörden.

Reiche Gesellschaften können sich den Luxus leisten eine Null-Risiko-Mentalität gegenüber dem Fortschritt zu entwickeln, selbst wenn es sich später als Unsinn herausstellt. Aber die große Mehrheit der Menschen kann sich das nicht leisten, und mit Sicherheit nicht die hungrigen Opfer von Kriegen, Naturkatastrophen und Wirtschaftskrisen. Die Debatte um Grüne Gentechnik ist aus meiner Sicht eine Debatte der Reichen auf Kosten der Armen.

FRAGE: Was könnte die Europäer überzeugen, das Grüne Gentechnik keine sonderliche Gefahr darstellt?

BORLAUG: Der unnötige Kampf gegen Grüne Gentechnik in Europa und anderswo hätte vielleicht vermieden werden können, wenn mehr Menschen besseren Biologieunterricht gehabt hätten. Es gibt eine große Bildungslücke, eine wachsende und beunruhigende Ignoranz über die Zusammenhänge und Probleme der Landwirtschaft und der Lebensmittelerzeugung. Dieser Bildungsmangel sollte unverzüglich behoben werden.

FRAGE: Sie haben mal geschrieben "Eine der größten Bedrohungen der Menschheit ist, dass die Welt von einer alles durchdringenden aber gut getarnten Bürokratie erstickt wird." Sehen sie das immer noch so?

BORLAUG: Ja. Bürokratien in Wissenschaft, Verwaltung und Politik verhindern und erschweren Neuerungen und Fortschritt. Sie sind heimtückisch und ruinieren letzten Endes die meisten Organisationen. Nach einiger Zeit sind die Kosten einer Reform zu hoch. Dann muss man ihnen seitlich ausweichen und neue Institutionen gründen.

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