Dossier Gesundheit: Die Renaissance der Impfstoffe, Adrian Heuss, April 2007
Impfstoffe erleben derzeit einen neuen Aufschwung. Das zeigen vor allem drei Anzeichen: Die Pharmaindustrie zeigt neues Interesse an Vakzinen, es gibt wieder Geld für die Grundlagenforschung und neue Technologien werden entwickelt.
Jahrelang fristeten die Impfstoffe ein eher tristes Dasein: Grosse Durchbrüche in der Impfstoffforschung lagen schon Jahre, die Goldene Ära der Impfstoffe gar Jahrzehnte zurück; die Pharmaindustrie war an Impfstoffen lange wenig interessiert; in den Medien wurde - wenn überhaupt - meist über den Disput zwischen Impfstoffgegnern und -befürwortern berichtet oder über die Fehlschläge im Bereich einer künftigen Malaria- oder Aids-Impfung.
Dieses triste Bild haben Impfstoffe keineswegs verdient. Vakzine sind noch immer verlässliche Mittel der Krankheitsprävention. In den letzten Jahren hat sich daher einiges geändert. «Es ist eine Renaissance der Impfstoffentwicklung im Gange», sagt Ulrich Heininger, Professor am Universitätskinderspital beider Basel und Impfstoffspezialist. Der grösste Lebensretter der Medizin ist wieder «in». Dafür gibt es mehrere Anzeichen.
Anzeichen eins: Die Pharmaindustrie schnuppert am Impfstoffmarkt
Novartis hat das Impfgeschäft wiederentdeckt. Mit der milliardenschweren Übernahme der US-Firma Chiron, des fünftgrössten Impfstoffherstellers der Welt, hat sich Novartis einen breiten Zugang zum weltweiten Impfstoffmarkt verschafft. Seit dem Jahr 2006 heisst die neue Abteilung «Novartis Vaccines and Development». Die Pipeline umfasst zwölf Wirkstoffe, die dereinst gegen Grippe und Meningokokken wirken sollen.
Auch Konkurrent Pfizer hat die Pforten der im Jahre 1976 geschlossenen Impfstoffabteilung nach dreissig Jahren wieder geöffnet - durch den Zukauf der britischen Firma PowderMed, welche sich auf so genannte DNA-Impfstoffe konzentriert. «Diese Akquisition ist eine strategische Möglichkeit, des Einstiegs in den Impfstoffmarkt», liess sich Pfizer-CEO Jeffrey Kindler zitieren.
Zudem haben kleinere Biotechunternehmen einige Impfstoffpfeile im Köcher. Die Zürcher Biotechfirma Cytos zum Beispiel entwickelt derzeit einen Impfstoff gegen die Nikotinsucht. Der Impfstoff aktiviert im Körper bestimmte Antikörper, welche Nikotin im Blut binden und so verhindern, dass das Nikotin ins Gehirn gelangt, wo es seine suchtauslösende Wirkung entfaltet.
Insgesamt stieg die Zahl der in Entwicklung stehenden Impfstoffe von 285 im Jahre 1996 auf 450 im Frühjahr 2007. Neues Wissen in Grundlagenforschung und Entwicklung hat neue Möglichkeiten eröffnet, wie dem Immunsystem mit Impfstoffen auf die Sprünge geholfen werden kann. Zudem ist die Messlatte für die Zulassung von Impfstoffen in den letzten Jahren deutlich höher gelegt worden. Nur noch Firmen mit sehr hohen Standards können in diesem Markt erfolgreich bestehen. Die gestiegenen Anforderungen und die Selektion machen den Markt wieder attraktiv. Zudem wirken sich Impfstoffe positiv auf das Firmenimage aus. «Denn Impfstoffe haben noch immer ein positives Renommee», erklärt Impfstoffspezialist Heininger.
Anzeichen zwei: mehr Geld in der Grundlagenforschung
Seit einigen Jahren fliesst wieder mehr Geld in die grundlegende Erforschung von Impfstoffen. Ein besonders potenter Geldgeber ist dabei die Bill & Melinda Gates-Stiftung. Sie hat sich die Entwicklung von neuen Impfstoffen auf die Fahnen geschrieben - insbesondere gegen HIV/Aids, Malaria und Tuberkulose. Diejenigen Bereiche also, wo Vakzine am dringendsten benötigt werden. Geografisch konzentriert sich die Stiftung vor allem auf Entwicklungsländer.
Die Stiftung hat eigene Programme ins Leben gerufen und unterstützte andere Projekte, zum Beispiel die Organisation Gavi mit 1,8 Milliarden Franken. Gavi fördert das Impfen in ärmeren Ländern, an Orten, wo Kinder nicht selbstverständlich mit Impfstoffen versorgt werden. Unterstützt wird diese Organisation unter anderen von der Weltbank und der Weltgesundheitsorganisation WHO. Gavi hat nach eigenen Angaben seit der Gründung im Jahre 2000 2,3 Millionen Todesfälle verhindert. «Die Gavi-Story ist wahrscheinlich eine der grössten Erfolgsgeschichten überhaupt», sagte Bill Gates in einem Interview mit dem Fernsehsender CNBC.
Im Frühjahr 2007 wurde ein weiteres Programm lanciert: Advance Market Commitment. Das Programm schafft neue finanzielle Anreize im Impfstoffmarkt. Die Entwicklung neuer Impfstoffe, insbesondere für Entwicklungsländer, soll angekurbelt werden, indem den Pharmafirmen die Impfstoffe abgekauft werden, sobald sie produziert sind. Verschiedene Regierungen haben in einer ersten Phase beschlossen, die Kosten für den Pneumokokken-Impfstoff zu übernehmen, einen Impfstoff, der gegen die tödliche Lungenentzündung wirkt. Solche Impfstoffe werden in Industrieländern seit den späten 90er-Jahren verwendet. Allerdings sind die heutigen Pneumokokken-Impfstoffe nur bedingt für Entwicklungsländer geeignet, weil sie teuer sind und nicht gegen alle Bakterienstämme wirken, die in diesen Ländern verbreitet sind. Die Organisatoren von Advance Market Commitment rechnen damit, dass bis ins Jahr 2030 ca. 5,4 Millionen Kinderleben gerettet werden können.
Anzeichen drei: neue Technologien
Mithilfe der neuen Forschungsgelder können neue Technologien entwickelt und bewährte Methoden verfeinert werden. Heute können Impfstoffentwickler auf ein breites Wissen zurückgreifen: Hilfreich sind zum Beispiel neue Erkenntnisse über das menschliche Immunsystem. Aber auch die genetische Ausstattung von Bakterien und Viren ist heute dank Gentechnologie im Detail bekannt. Das eröffnet neue Angriffspunkte für Impfstoffe.
Dazu kommen neue Möglichkeiten in der Produktion: Grippeimpfstoffe werden traditionellerweise in Hühnereiern produziert - ein Prozess, der bis zu sechs Monate dauern kann: zu lange, wenn eine Epidemie anrollt. Deshalb suchen Forscher an Universitäten und in der Industrie nach kürzeren Produktionswegen: zum Beispiel die gentechnische Produktion von Impfstoffen mithilfe von Zellen statt Hühnereiern. Solche Systeme werden bereits zur Herstellung von Vakzinen gegen Windpocken, Hepatitis A und Polio verwendet. Nun soll dieser Bereich ausgebaut werden, zum Beispiel auf die oben erwähnten Grippeimpfstoffe.
Die Hoffnung besteht zudem darin, dass man eines Tages einen Impfstoff zur Verfügung hat, welcher ein für alle Mal vor Grippe schützt. Heute muss er nämlich jährlich neu produziert und den aktuellen Virusvarianten angepasst werden. Mithilfe der Gentechnik hofft man, Abschnitte im Erbgut der Grippeviren zu finden, die über lange Zeit unverändert bleiben. Eine Impfung gegen diese konstanten Virenbestandteile wäre dann gegen alle Grippeviren einsetzbar.
Zweite Goldene Ära der Impfstoffe?
Einiges deutet also darauf hin, dass der Impfstoffmarkt im Umbruch ist. Neben den bereits neu eingeführten Impfstoffen (z. B. gegen Gebärmutterhalskrebs) stehen einige andere kurz davor, etwa gegen Gürtelrose und Dengue-Fieber. Ob sich daraus ein zweites Goldenes Zeitalter der Impfstoffentwicklung ergeben wird, muss sich noch weisen. Die Rückschläge bei der Entwicklung eines künftigen Aids- oder Malaria-Impfstoffes beweisen, wie steinig der Weg zu neuen Impfstoffen ist - auch mit dem heutigen Wissen. Bei der Malaria etwa besteht das Problem darin, dass der Erreger weder Virus noch Bakterium ist, sondern ein parasitäres Plasmodium. Weder lassen sich diese Erreger einfach züchten, noch kann man komplette Parasiten sinnvoll als Impfstoff verwenden, wie dies im klassischen Fall gemacht wird. Ein effizienter Impfstoff gegen Malaria liegt denn auch heute noch in weiter Ferne.
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Letzte Änderung: 2007-06-18 17:37:16