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Dossier Gesundheit: Pro Jahr 10'000 Ratten verschont, Adrian Heuss, Juni 2007

Fast 20 Jahre dauerte die Entwicklung für einen Test, der es in sich hat: Er erspart pro Jahr 10 000 Tierversuche - allein beim Pharmaunternehmen Novartis.

Bis vor Kurzem wurden bei Novartis Jahr für Jahr 10 000 Tiere benötigt, damit geprüft werden konnte, ob der hormonelle Wirkstoff Calcitonin sicher und wirksam produziert wurde. Heute wird dies im Reagenzglas gemacht. Versuchstiere braucht es dazu keine mehr. «Manches Hindernis stellte sich uns in den Weg, bis der Test zugelassen worden war. Nun aber sind wir mit dem Ergebnis sehr zufrieden», sagt Peter Brügger, zuständiger Abteilungsleiter bei Novartis.

Seit Mitte der 80er-Jahre produziert Novartis (damals noch Ciba-Geigy) den Wirkstoff Calcitonin, der als Medikament Patienten mit Knochenkrankheiten wie Osteoporose zu stabileren Knochen verhilft; in vielen Fällen lindert das Medikament auch die Schmerzen.

Calcitonin ist ein kleines Eiweiss und wird jeweils in einem aufwendigen Prozess in Mengen von einigen hundert Gramm hergestellt und danach gereinigt. Bevor eine neue Charge des Medikaments in den Verkauf kommt, muss geprüft werden, ob das darin enthaltene Calcitonin sicher und wirksam ist. Diese Untersuchungen wurden bis unlängst an Ratten durchgeführt. «Eine unbefriedigende Situation. Wir wollten einen Test, der ohne Versuchstiere auskommt», so Brügger.

Die Gruppe für Biologische Analytik von Novartis machte sich bereits Ende der 80er-Jahre auf die Suche, zunächst in Zusammenarbeit mit der Universität Heidelberg. Die Heidelberger Forscher entwickelten einen Test, der nicht mit ganzen Zellen, sondern nur mit einem Bestandteil der Zelle, den Zellwänden, auskam. Im Industrielabor erbrachte er aber nicht die gewünschten Ergebnisse. «Wir mussten einen anderen Ansatz finden», so Brügger.

Behördenzank verzögert Test ohne Versuchstiere
Die Fusion von Ciba-Geigy und Sandoz zu Novartis beeinflusste auch die Calcitonin-forschung. Beide Firmen produzierten ein Calcitoninpräparat, beide Firmen wollten einen Test, der ohne Versuchstiere auskommt. Sandoz wollte jedoch keinen Test auf biologischer Basis, sprich auf Basis von Zellen, sondern einen auf rein chemisch-physikalischer Basis. Mit einem solchen Test kann aber nur überprüft werden, ob das Calcitonin im Medikament in der richtigen Konzentration enthalten ist, nicht aber, ob das Calcitonin auch aktiv ist und wirkt. Der amerikanischen Zulassungsbehörde FDA war ein solcher Test zu wenig. Sie befürchtete, die Sicherheit für den Patienten könnte darunter leiden.

Diesseits des Atlantiks befürwortete die EU-Zulassungsbehörde hingegen die Bestrebungen von Sandoz. Für sie stand ein Test im Vordergrund, welcher hauptsächlich die korrekte Konzentration sicherstellte. «Wir waren in einer Zwickmühle. Die Amerikaner wollten einen Tierversuch, die Europäer eine instrumentelle Methode», so der Novartis-Forscher.

Das Team von Peter Brügger schlug schliesslich einen Test vor, bei dem die biologische Aktivität von Calcitonin im Reagenzglas gemessen wird. Der Kompromiss stiess auf beiden Seiten des Atlantiks auf Zustimmung: Im Jahr 2004 wurde der Test von den Amerikanern und Europäern zugelassen. Ein Test, der relativ einfach ist: Bei der neu entwickelten Methode werden bestimmte Zellen gezüchtet und anschliessend mit Calcitonin in Kontakt gebracht. Dieses bindet sich an die Oberfläche der Zellen. Dadurch löst es im Inneren der Zelle die Produktion des Botenstoffes cAMP aus, welcher mittels einer Farbreaktion eindeutig nachgewiesen wird. Damit kann, wie gefordert, die Aktivität von Calcitonin gemessen werden - ohne dass man einen Tierversuch durchführen muss. Zusätzlicher Pluspunkt dieses Tests: Er reduziert die Kosten, denn Tierversuche sind teuer.

Einen Wermutstropfen gibt es allerdings noch: Meist wird Calcitonin per Nasenspray verabreicht. Für die selten verwendete Verabreichung per Spritze werden heute noch eine geringe Anzahl Tierversuche durchgeführt. Allerdings nicht mehr lange. «Wenn alles rundläuft, werden wir ab September 2007 auch für diese Injektionsform auf Tierversuche verzichten können», hofft Peter Brügger. Eine erste Bestätigung der amerikanischen Zulassungsbehörde FDA für die Zulassung dieser Methode liegt bereits vor.

Bald wird diese tierfreundliche Methode in der amerikanischen Pharmakopöe, dem amtlichen Arzneibuch, publiziert. Damit wird sie allgemein zugänglich sein und als offiziell anerkannte Prüfung auch von anderen Firmen und Forschungsinstituten eingesetzt werden. Denn Novartis ist nicht die einzige Firma, die Calcitonin herstellt. Mittlerweile gibt es über 100 Generika des Wirkstoffs.

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