von Prof. em. Dr. Gottfried Schatz; Kolumne aus dem Jahre 2004
Manchmal plagen mich Alpträume über Bösewichte, die uns allen jederzeit den Garaus machen könnten - wie zum Beispiel Grippeviren. Diese ändern wie modebewusste Damen laufend ihre Hülle und überlisten so unsere Immunabwehr. Impfstoff-Hersteller rätseln deshalb jedes Frühjahr aufs Neue, welche Hülle für die kommende Grippesaison die Mode bestimmen könnte und versuchen dann, ihren Impfstoff dieser Voraussage anzupassen. Haben sie daneben getippt, dann schützt uns eine Grippeimpfung im betreffenden Jahr wenig oder gar nicht und das heisst dann oft "ab ins Bett", manchmal für Wochen. Für betagte Auslaufmodelle wie mich kann so ein erzwungener Abgang sogar endgültig sein.
Das Grippevirus ändert aber nicht nur dauernd seine Hülle, sondern auch seine Bösartigkeit. Im Winter von 1918/1919 tauchte eine besonders aggressive Variante auf, die als "Spanische Grippe" in einer weltweiten Epidemie mindestens 20 Millionen Menschen tötete. Vielleicht waren es sogar 100 Millionen, genau werden wir dies nie wissen. Einige meiner Kollegen reisten vor kurzem nach Alaska und isolierten die Erbanlagen dieses Horror-Virus aus dem gefrorenen Leichnam eines Grippeopfers von 1918. Sie haben diese Erbanlagen analysiert, um herauszufinden, weshalb dieses Virus so schrecklich war und wie wir uns dagegen schützen könnten. Sie haben noch keine Antworten gefunden, sind aber überzeugt, dass eine ähnliche Killer-Grippe uns mit Sicherheit bevorsteht und wir ihr fast schutzlos ausgeliefert wären. Bis wir einen wirksamen Impfstoff hätten, könnte gut ein halbes Jahr vergehen und in dieser Zeit könnte sich das Virus dank unserer Jumbojets über die ganze Welt verbreiten und leicht 40 Millionen Opfer fordern. Antibiotika wären ebenso unwirksam wie Zivilschutzräume, und Ärzte und Spitäler wären hoffnungslos überfordert. Das einzige Medikament, das generell gegen Grippeviren wirkt und flächendeckend eingesetzt werden könnte, wird von der Firma Hoffmann-LaRoche in der Schweiz hergestellt. Derzeit gibt es aber nicht genug davon, um eine weltweite Epidemie zu verhindern oder gar in die Knie zu zwingen. Nahe der Quelle lebt es sich meist sicherer; wie wär's mit einem Umzug nach Basel?
Die Alpträume gewisser Bundesämter kreisen dagegen vorwiegend um Genmais und Handy-Antennen. Na dann: Gute Nacht!
Prof. em. Dr. Gottfried Schatz, Reinach, E-Mail:
gottfried.schatz@unibas.ch
Gottfried Schatz wurde am 18. August 1936 in Strem, einem kleinen österreichischen Dorf nahe der ungarischen Grenze geboren. Er studierte in Graz Chemie und forschte dann als Biochemiker an der Universität Wien und am Public Health Research Institute der Stadt New York. Im Jahre 1968 emigrierte er mit seiner Familie in die USA und übernahm an der Cornell University in Ithaca im Staat New York eine Professur für Biochemie. Sechs Jahre später kehrte er nach Europa zurück, um am neu gegründeten Biozentrum der Universität Basel zu arbeiten und es auch für einige Jahre zu leiten.
Nach seiner Emeritierung im Jahre 1999 präsidierte er während vier Jahren den Schweizerischen Wissenschafts- und Technologierat (SWTR), ein unabhängiges Beratungsgremium des Schweizer Bundesrates. Er erhielt zahlreiche nationale und internationale Preise und Auszeichnungen sowie zwei Ehrendoktorate und ist Mitglied vieler wissenschaftlicher Akademien in der ganzen Welt. Als Student und junger Assistent war er nebenher auch als Geiger im Grazer Philharmonischen Orchester und an österreichischen Opernhäusern tätig. Seine dänische Frau und er haben drei Kinder.
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Letzte Änderung: 2007-05-31 17:07:52