Forum - ForscherBlick: Bitte keine Wissenschaft Light!

von Prof. em. Dr. Gottfried Schatz

Erinnern Sie sich noch an das Waldsterben? Heute ist es darum sehr still geworden, aber vor einem Jahrzehnt sorgte es für Emotionen und Sensationsmeldungen. Ich mochte schon gar nicht mehr fernsehen, denn es tat mir weh, Kollegen im hochnotpeinlichen Verhör zu sehen. Den Interviewern ging es meist um ein knalliges Geständnis wie "Mit unseren Wäldern geht es zu Ende" oder "Autos zerstören Bäume". Wer nicht geständig war, wurde als Öko - Muffel abgestempelt. Und wer gar zu bezweifeln wagte, dass unsere Wälder tatsächlich am Sterbebett lägen, musste froh sein, dass Verbrennungen am Scheiterhaufen nicht mehr Europa-konform sind. Als das Waldsterben in höchster Blüte stand, stimmten auch einige Wissenschafter kritiklos in die allgemeine Totenklage ein. Vielleicht wollten sich einige von ihnen nur aus dem Holz der - angeblich - sterbenden Bäume ihre Karriereleiter zimmern. Doch siehe da - unseren Wäldern geht es heute sogar besser als vor einigen Jahrzehnten. Waren sie wirklich schwerkrank gewesen? Wir wissen es nicht. Das Leben unserer Wälder birgt noch zu viele Geheimnisse. Wir müssen diese ergründen, doch dazu braucht es harte Arbeit, Geduld - und klare Köpfe. Vor allem klare Köpfe.

Und wie steht es mit der Prophezeiung, der bei einem Atomkrieg aufgewirbelte Staub würde das Sonnenlicht verdunkeln und unserer Erde einen mehrjährigen katastrophalen Winter bescheren? Nuclear winter (Atomwinter) hiess dieses Katastrophenszenario, das vor zwanzig Jahren weltweit Schlagzeigen machte. Auch mir ging es gehörig unter die Haut. Amerikanische Wissenschafter hatten es in Fachzeitschriften und Fernsehdebatten verkündet und damit eine weltweite Diskussion entfacht. Aber solche Voraussagen erfordern komplexe Modellrechnungen, die nie seriös gemacht wurden. Einige Physiker muckten von Anfang an auf und nahmen die Atomwinter - Prophezeiung nicht ernst, da sie auf zu vielen Annahmen beruhe. Ein Kritiker sprach sogar von "miserabler Wissenschaft". Darauf krebsten die Katastrophenpropheten zurück und sprachen plötzlich nur noch von einem Atomherbst. Aber es war zu spät - die Öffentlichkeit war nun einmal auf den Atomwinter abgefahren. Er passte wunderbar ins politische Konzept, denn er warnte das "Reich des Bösen" (damals war dies die Sowjetunion), dass ein nuklearer Erstschlag auch den Aggressor treffen würde. Als aber dann im ersten Golfkrieg brennende Ölquellen die Sonne ähnlich verdunkelten wie dies für Atomwaffen vorausgesagt worden war, zeigte sich das Klima unbeeindruckt und beide atomare Jahreszeiten verschieden friedlich.

Umweltzerstörung und Atomkrieg sind natürlich nach wie vor immense und aktuelle Bedrohungen, die wir mit höchster Priorität und mit Einsatz aller unserer Kräfte bekämpfen müssen. Doch Panikmache, Angst und Hast werden uns dabei nicht helfen; sie waren schon immer schlechte Ratgeber. Wenn wir Wissenschafter zu sehr auf Resultate erpicht sind, die emotionell befriedigen und allgemeine Aufmerksamkeit erregen, verlieren wir schnell den Boden unter den Füssen - und das Vertrauen der Gesellschaft. Wenn eine Behauptung politisch korrekt ist, ist sie deswegen noch lange nicht wahr. Wer dies vergisst, setzt auf Wissenschaft Light - und lebt gefährlich.


Gottfried SchatzProf. em. Dr. Gottfried Schatz, Reinach, E-Mail: gottfried.schatz@unibas.ch

Gottfried Schatz wurde am 18. August 1936 in Strem, einem kleinen österreichischen Dorf nahe der ungarischen Grenze geboren. Er studierte in Graz Chemie und forschte dann als Biochemiker an der Universität Wien und am Public Health Research Institute der Stadt New York. Im Jahre 1968 emigrierte er mit seiner Familie in die USA und übernahm an der Cornell University in Ithaca im Staat New York eine Professur für Biochemie. Sechs Jahre später kehrte er nach Europa zurück, um am neu gegründeten Biozentrum der Universität Basel zu arbeiten und es auch für einige Jahre zu leiten.

Nach seiner Emeritierung im Jahre 1999 präsidierte er während vier Jahren den Schweizerischen Wissenschafts- und Technologierat (SWTR), ein unabhängiges Beratungsgremium des Schweizer Bundesrates. Er erhielt zahlreiche nationale und internationale Preise und Auszeichnungen sowie zwei Ehrendoktorate und ist Mitglied vieler wissenschaftlicher Akademien in der ganzen Welt. Als Student und junger Assistent war er nebenher auch als Geiger im Grazer Philharmonischen Orchester und an österreichischen Opernhäusern tätig. Seine dänische Frau und er haben drei Kinder.

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