von Prof. em. Dr. Gottfried Schatz
Österreichs Männer sind im Stress. Zuerst bekam der Männerschreck Elfriede Jelinek den Literatur-Nobelpreis - und dann sollte es in der Bundeshymne anstatt "Heimat bist Du grosser Söhne" plötzlich "Heimat grosser Töchter, Söhne" heissen. Da könnte ja jeder - will meinen jede - kommen! Der drohende feministische Drall der Bundeshymne wurde vom Volk mannhaft gestoppt, obwohl ihr Text für die meisten Österreicher eines der bestgehütetsten Staatsgeheimnisse ist und der profilierteste österreichische Kaiser kein solcher, sondern eine Kaiserin war.
Wenn es um die Gleichstellung von Mann und Frau geht, hat Europa noch sehr viel zu tun. Aber auch wir Männer haben unsere Probleme. Wir sind genetisch weniger robust als Frauen, obwohl wir praktisch gleich viel Erbanlagen wie diese haben - etwa 25'000 bis 30'000. Aber Frauen haben von jeder Erbanlage zwei Kopien; ist eine davon defekt, gleicht die andere den Defekt meist aus. Dies klappt auch bei Männern - aber nicht immer. Für einige Tausend Erbanlagen haben wir keine Sicherungskopie und können deshalb schwer erkranken, wenn eine davon nicht richtig funktioniert. Deswegen gibt es viele Erbkrankheiten, die vorwiegend oder ausschliesslich uns Männer beglücken. Wir sind z. B. zwölfmal häufiger Rot-Grün blind als Frauen. Bei den heutigen Modefarben kann dies zwar auch ein Segen sein, doch dies gilt sicher nicht für die gefürchtete Bluterkrankheit. Da sie Frauen völlig verschont, konnte Queen Victoria sie über ihre Töchter grosszügig an männliche Adelssprosse in ganz Europa verschenken. Ich bitte Sie - ist dies fair?
Aber es kommt noch schlimmer. Einige unserer ungesicherten männlichen Erbanlagen sind auf einem winzigen Chromosom abgespeichert, das zu verkümmern droht. Einige Biologen meinen sogar, dass uns Männern deswegen der Garaus droht. Diese düstere Prophezeiung ist zwar umstritten, doch es gibt mir zu denken, dass bis zu 7.5% von uns unfruchtbar sind. Und dass kein männliches Säugetier ausser dem Gorilla so wenige Spermien produziert wie wir. Bevor Sie daraus naheliegende, aber voreilige Schlüsse ziehen, verehrte Damen, schreiben Sie doch lieber voll Mitgefühl über unsere männlichen Nöte. Wie wär's, Frau Jelinek?
Prof. em. Dr. Gottfried Schatz, Reinach, E-Mail:
gottfried.schatz@unibas.ch
Gottfried Schatz wurde am 18. August 1936 in Strem, einem kleinen österreichischen Dorf nahe der ungarischen Grenze geboren. Er studierte in Graz Chemie und forschte dann als Biochemiker an der Universität Wien und am Public Health Research Institute der Stadt New York. Im Jahre 1968 emigrierte er mit seiner Familie in die USA und übernahm an der Cornell University in Ithaca im Staat New York eine Professur für Biochemie. Sechs Jahre später kehrte er nach Europa zurück, um am neu gegründeten Biozentrum der Universität Basel zu arbeiten und es auch für einige Jahre zu leiten.
Nach seiner Emeritierung im Jahre 1999 präsidierte er während vier Jahren den Schweizerischen Wissenschafts- und Technologierat (SWTR), ein unabhängiges Beratungsgremium des Schweizer Bundesrates. Er erhielt zahlreiche nationale und internationale Preise und Auszeichnungen sowie zwei Ehrendoktorate und ist Mitglied vieler wissenschaftlicher Akademien in der ganzen Welt. Als Student und junger Assistent war er nebenher auch als Geiger im Grazer Philharmonischen Orchester und an österreichischen Opernhäusern tätig. Seine dänische Frau und er haben drei Kinder.
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Letzte Änderung: 2007-05-31 16:08:43