Forum - ForscherBlick: Der Fluch des Paracelsus

von Prof. em. Dr. Gottfried Schatz

Ich bin überzeugt - als Paracelsus 1528 zu nachtschlafener Zeit vor den Basler Ärzten und Apothekern nach Colmar floh, muss er die Geister des Irrationalen beschworen haben, sich für immer in Basel festzusetzen. Dies war gewissermassen ein Fünfsternfluch, denn Philippus Aureolus Theophrastus Bombastus von Hohenheim war nicht nur Basler Professor und Stadtarzt, sondern auch der berühmteste Arzt seiner Zeit. Mit spitzer Zunge verspottete die Basler Apotheker, Ärzte und Medizinprofessoren wegen ihrer unbewiesenen Behauptungen und seine Mitbürger wegen ihres blinden Glaubens an die Pillen, Salben und Wässerchen, die ihnen die Apotheker für teures Geld andrehten. Wer sich so geschäftsschädigend aufführt, für den wird es natürlich schnell brenzlig.

Paracelsus war ein scharfer und origineller Denker, der Beobachtung und Verstand höher schätzte als leere Behauptungen. Er erkannte, dass die Wirksamkeit eines Medikaments von dessen Dosierung abhängt und eine Überdosis jedes Medikament zum Gift machen kann. Heute erscheint uns diese Behauptung selbstverständlich, doch im 16. Jahrhundert war sie revolutionär. Sie besagte, dass Medikamente aufgrund chemischer Reaktionen wirken und den chemischen Gesetzen gehorchen. Wenn Paracelsus geahnt hätte, dass er damit den Weg für die Basler Pharmaindustrie bahnte, hätte er seinen Fluch vielleicht etwas gemildert.

Doch dies tat er nicht, und nun hängt er über uns, dieser Fluch. Basel wurde zwar ein Weltzentrum für molekulare Medizin - aber auch eines für Homöopathie, nach der Medikamente selbst in grotesk kleinen Mengen wirken sollen. Es liegt mir fern, Homöopathie als irrational zu bezeichnen, doch kenne ich keine seriöse klinische Studie, welche die Heilwirkung eines homöopathischen Medikaments beweist. Und mit "seriös" meine ich Untersuchungen, die psychologische Effekte, wie zum Beispiel den wohlbekannten Placebo-Effekt, ausschliessen. Doch wen kümmert's - der Fluch des Paracelsus ist stärker und lastet selbst auf dem wunderbar renovierten Pharmaziemuseum im Totengässlein. Dieses Museum wird von unserer Universität mitgetragen, weil es auch der wissenschaftlichen Ausbildung unserer Pharmaziestudenten dient. Doch in seinem Buchladen fand ich das Buch "Homöopathie für die ganze Familie" - eine praktische Anleitung für Homöopathie-Anhänger. Meinen Einwand, dass dieses Buch hier wie die sprichwörtliche Faust aufs Auge passe, liess der Museumsvertreter nicht gelten. "Auch wir müssen Geld verdienen" hiess es. Diese kreative Antwort brachte mich auf neue Ideen. Wieso könnte unser von der Schliessung bedrohtes Astronomie-Institut nicht astrologische Gutachten verkaufen? Unterschrieben von einem seiner berühmten Mitglieder und mit dem Gütesiegel des universitären Briefkopfes (ergänzt durch den Zusatz non olet*) könnte so eine Fachexpertise einen schönen Batzen einbringen. Und unsere defizitgeplagte Universitätsleitung könnte einiges von Ron Hubbards Scientologen abgucken, die im Aufbringen von Privatgeldern ja mehr als erfolgreich sein sollen. Nur keine Scheu, verehrte Kolleginnen und Kollegen! Wir können uns ja auf einen berühmten Basler berufen - auch wenn es nur sein Fluch ist.


Gottfried SchatzProf. em. Dr. Gottfried Schatz, Reinach, E-Mail: gottfried.schatz@unibas.ch

Gottfried Schatz wurde am 18. August 1936 in Strem, einem kleinen österreichischen Dorf nahe der ungarischen Grenze geboren. Er studierte in Graz Chemie und forschte dann als Biochemiker an der Universität Wien und am Public Health Research Institute der Stadt New York. Im Jahre 1968 emigrierte er mit seiner Familie in die USA und übernahm an der Cornell University in Ithaca im Staat New York eine Professur für Biochemie. Sechs Jahre später kehrte er nach Europa zurück, um am neu gegründeten Biozentrum der Universität Basel zu arbeiten und es auch für einige Jahre zu leiten.

Nach seiner Emeritierung im Jahre 1999 präsidierte er während vier Jahren den Schweizerischen Wissenschafts- und Technologierat (SWTR), ein unabhängiges Beratungsgremium des Schweizer Bundesrates. Er erhielt zahlreiche nationale und internationale Preise und Auszeichnungen sowie zwei Ehrendoktorate und ist Mitglied vieler wissenschaftlicher Akademien in der ganzen Welt. Als Student und junger Assistent war er nebenher auch als Geiger im Grazer Philharmonischen Orchester und an österreichischen Opernhäusern tätig. Seine dänische Frau und er haben drei Kinder.

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