Forum - ForscherBlick: Die pflanzliche Basis

von Prof. em. Dr. Gottfried Schatz

Ort: eine Apotheke. Hintergrund: Fläschchen, ein Apotheker. Vordergrund: Gestresster junger Mann, auf Apotheker einredend: "Haben Sie etwas zum Einschlafen?" Apotheker: "Versuchen Sie doch diese Pillen von WunderPharm, die kann ich Ihnen ohne Rezept geben". Junger Mann (erbleicht): "Ist das etwas Chemisches?" Apotheker: "Ja, aber ich habe auch welche auf pflanzlicher Basis". Junger Mann (sofort beruhigt): "Die nehme ich, die schaden wenigstens nicht" (Die Kasse klingelt; Vorhang fällt).

Der junge Mann hat wahrscheinlich richtig gewählt, aber sein Vertrauen in die pflanzliche Gutmütigkeit steht auf wackligen Beinen. Weil Pflanzen weder zuschlagen noch davonlaufen können, wehren sie sich auf die heimtückische Tour. Sie stechen, schmecken scheusslich, oder sind giftig. Für einen Pflanzenkenner ist eine friedliche Wald- und Wiesenlandschaft alles andere als friedlich, denn da wachsen Herbstzeitlosen, Tollkirschen und andere Chemoterroristen, die schon so manchen kostlustigen Ausflügler ins Spital oder sogar ins Jenseits befördert haben. Hornissen, Taranteln oder Giftschlangen sind zwar auch nicht ohne, stiften aber zumindest in unseren Breiten weniger Unheil als die lieben Pflanzen.

Auch Kokain, Cannabis, Nikotin und Morphin (die Quelle von Heroin) sind auf pflanzlicher Basis, trotzdem aber alles andere als harmlos. Auf sie kann man ja verzichten, aber auch bei vielen als Hausmittel angepriesenen pflanzlichen Tinkturen oder getrockneten Pflanzen ist Vorsicht am Platz, denn man weiss nie so genau, was sie enthalten. Die Menge und sogar die Art der Wirkstoffe einer Heilpflanze können je nach Standort und Klima enorm variieren, doch eine genaue Analyse aller Wirkstoffe ist sehr aufwändig und für den Hersteller meist zu teuer. Auch ich versuche, möglichst ohne "chemische" Medikamente auszukommen, aber wenn ich schon eines nehmen muss, weiss ich wenigstens, was ich schlucke.

Pflanzen sind Meisterchemiker und produzieren vieles, das wir noch gar nicht kennen. Unsere Pharmariesen wissen dies und durchsuchen deshalb Ur- und Regenwälder laufend nach neuen Heilstoffen. Pflanzliche Heilmittel sind wertvoll; aber auch sie sind letztlich "chemisch" - und nicht immer harmlos.


Gottfried SchatzProf. em. Dr. Gottfried Schatz, Reinach, E-Mail: gottfried.schatz@unibas.ch

Gottfried Schatz wurde am 18. August 1936 in Strem, einem kleinen österreichischen Dorf nahe der ungarischen Grenze geboren. Er studierte in Graz Chemie und forschte dann als Biochemiker an der Universität Wien und am Public Health Research Institute der Stadt New York. Im Jahre 1968 emigrierte er mit seiner Familie in die USA und übernahm an der Cornell University in Ithaca im Staat New York eine Professur für Biochemie. Sechs Jahre später kehrte er nach Europa zurück, um am neu gegründeten Biozentrum der Universität Basel zu arbeiten und es auch für einige Jahre zu leiten.

Nach seiner Emeritierung im Jahre 1999 präsidierte er während vier Jahren den Schweizerischen Wissenschafts- und Technologierat (SWTR), ein unabhängiges Beratungsgremium des Schweizer Bundesrates. Er erhielt zahlreiche nationale und internationale Preise und Auszeichnungen sowie zwei Ehrendoktorate und ist Mitglied vieler wissenschaftlicher Akademien in der ganzen Welt. Als Student und junger Assistent war er nebenher auch als Geiger im Grazer Philharmonischen Orchester und an österreichischen Opernhäusern tätig. Seine dänische Frau und er haben drei Kinder.

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