von Prof. em. Dr. Gottfried Schatz
Charles Darwin sagte es: jede biologische Spezies muss unaufhörlich um ihr Überleben kämpfen. Wir Europäer sollten dies wissen, denn viele von uns entstammen einer winzigen Gruppe von 50 bis 200 afrikanischen Auswanderern, die vor etwa 30'000 Jahren in einem heroischen Kampf gegen Erschöpfung, Hunger, Krankheit und Kälte Europa erreichten. Ihre Nachfahren mussten gegen Missernten und Seuchen kämpfen, die oft ganze Landstriche entvölkerten. Mit Mut und Intelligenz konnten wir auch diese Bedrohungen meistern, erzielten aber im Kampf gegen krankheitserregende Bakterien trotz Antibiotika und moderner Hygiene nur einen brüchigen Waffenstillstand. Dieser wird heute von resistenten Bakterien immer häufiger gebrochen - und zwar nicht nur in Entwicklungsländern, sondern auch in unseren Spitälern.
Und jetzt sehen wir Europäer unruhig nach Osten, wo Vogelviren Appetit auf Menschen bekommen und ein riesiges Reservoir ähnlicher potenziell tödlicher Viren lauert. Diese Viren ändern ihr Erbgut laufend, wobei eine einzige Veränderung eine weltweite Todeswelle auslösen könnte. Solche Epidemien lassen sich am wirksamsten mit schnellen Massenimpfungen verhindern. Für diese braucht es jedoch grosse Mengen künstlich veränderter Viren, die ungefährlich sind, im Menschen aber trotzdem schützende Antikörper hervorrufen. Solche "Impfvarianten" von Vogelviren kann man auf herkömmliche Weise nur sehr schwer herstellen. Da dies jedoch mit gentechnischen Methoden kein Problem ist, hätten wir dank unserer kollektiven Intelligenz gerade noch rechtzeitig eine Waffe in der Hand, um auch diesen biologischen Kampf mehr oder minder heil zu überstehen.
Doch der "Basler Appell gegen Gentechnologie" wollte in seiner 1998 lancierten Genschutz-Initiative "die industrielle Produktion von Stoffen unter Anwendung genetisch veränderter Organismen" verbieten - also genau das, was für die Produktion von Impfviren und vielen anderen modernen Heilmitteln unentbehrlich ist und heute zum medizinischen Alltag gehört. Die Initiative wurde zwar vom Volk massiv verworfen, doch der Basler Appell appelliert munter weiter. Jeder soll auf seine Façon selig werden, doch wenn diese Façon die Gesundheit meiner Kinder und Enkelkinder bedroht, hört bei mir der Spass auf. Und die Toleranz auch.
Prof. em. Dr. Gottfried Schatz, Reinach, E-Mail:
gottfried.schatz@unibas.ch
Gottfried Schatz wurde am 18. August 1936 in Strem, einem kleinen österreichischen Dorf nahe der ungarischen Grenze geboren. Er studierte in Graz Chemie und forschte dann als Biochemiker an der Universität Wien und am Public Health Research Institute der Stadt New York. Im Jahre 1968 emigrierte er mit seiner Familie in die USA und übernahm an der Cornell University in Ithaca im Staat New York eine Professur für Biochemie. Sechs Jahre später kehrte er nach Europa zurück, um am neu gegründeten Biozentrum der Universität Basel zu arbeiten und es auch für einige Jahre zu leiten.
Nach seiner Emeritierung im Jahre 1999 präsidierte er während vier Jahren den Schweizerischen Wissenschafts- und Technologierat (SWTR), ein unabhängiges Beratungsgremium des Schweizer Bundesrates. Er erhielt zahlreiche nationale und internationale Preise und Auszeichnungen sowie zwei Ehrendoktorate und ist Mitglied vieler wissenschaftlicher Akademien in der ganzen Welt. Als Student und junger Assistent war er nebenher auch als Geiger im Grazer Philharmonischen Orchester und an österreichischen Opernhäusern tätig. Seine dänische Frau und er haben drei Kinder.
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Letzte Änderung: 2007-05-31 16:13:06