von Prof. em. Dr. Gottfried Schatz
Im Jahre 1940 persiflierte Michail Sostschenko in seiner Satire Schlaf schneller, Genosse das sowjetische Dogma, zentrale Planung könne Menschen zu ungeahnten Leistungen beflügeln. Nicht nur Industrie und Landwirtschaft, sondern auch Kunst und naturwissenschaftliche Forschung mussten sich damals in der Sowjetunion diesem Dogma beugen. So konnte der Charlatan und Stalin-Schützling Trofim Denisovich Lysenko bestimmen, was in der Vererbungslehre falsch und richtig war und damit die einst blühende Biologieforschung seines Landes um mindestens ein halbes Jahrhundert zurückwerfen. Freie Grundlagenforschung? Njet! Der Staat bestimmte, worüber Wissenschafter nachzudenken hatten. In seinem 1941 der angesehenen britischen Wissenschaftszeitung Nature gewährten Interview sprach der damalige sowjetische Botschafter in Grossbritannien, Ivan Michailowitsch Maisky Klartext: In der Sowjetunion hat es keinen Platz für "reine" Wissenschaft.
Diese Ideologie blieb uns glücklicherweise erspart. Aber nicht ganz. Einige unserer Politiker und Wissenschaftsadministratoren meinen immer wieder, man müsse den Forschenden möglichst genau vorschreiben, was sie entdecken sollen. Damit hemmen sie aber die Geburt innovativer Ideen.
Was ist eine innovative Idee? Sie überrascht uns - und zwar umso mehr, je innovativer sie ist. Dies gilt für Wissenschaft ebenso wie für Kunst. Künstlerische und wissenschaftliche Kreativität schöpfen aus den gleichen rätselhaften Quellen, die tiefster Ausdruck unserer Individualität sind. Originelle Forschung ist kein streng logischer Vorgang, in dem die Forschenden geduldig Stein auf Stein setzen, bis das minutiös vorausgeplante Gebäude beendet ist - sie ist genau das Gegenteil. Sie ist intuitiv, kaum planbar, und oft sogar chaotisch - wie originelle Kunst.
Woher kommen neue Ideen? Weshalb sehen einige Menschen, was jeder sieht, denken dabei aber, was noch keiner gedacht hat? Ich weiss es nicht. Mit Intelligenz allein ist es nicht getan. Vielleicht haben originelle Künstler und Forschende die naive Neugier und den Spieltrieb von Kindern bewahrt, die gerne komische Worte erfinden oder einen Hut verkehrt herum aufsetzen.
Wer Forschung zu sehr plant, reguliert, oder zentralisiert, hemmt ihre Innovationskraft. In seiner Botschaft für Bildung, Forschung und Technologie für die Jahre 2004 - 2007 forderte der Bundesrat mehr als 40 zusätzliche Personalstellen für Wissenschaftsverwaltung - und dies, obwohl das Wissenschafts- und Bildungssystem der Schweiz bereits heute die Komplexität eines Schweizer Uhrwerks hat, ohne jedoch auch nur annähernd dessen Präzision zu erreichen. Und auf politischen Druck wurden im letzten Jahrzehnt staatliche Forschungsgelder immer öfter mit eng definierten Zielen oder "wissenschaftspolitischen" Auflagen zugesprochen.
Organisation und Verwaltung sind wichtig. Wenn sie jedoch ausufern, verhindern sie neue Ideen, weil innovative Forschung sich ihre eigenen Wege und Ziele schafft. Sind diese von Anfang an bekannt, ist die Forschung meist wenig innovativ. Neue Ideen verdanken wir in der Regel einzelnen begabten Querdenkern, die allgemein akzeptierte Regeln, Methoden und Ideen hinterfragen und den Mut haben, gegen den Strom zu schwimmen. Und nur wer gegen den Strom schwimmt, kann neue Quellen entdecken.
Prof. em. Dr. Gottfried Schatz, Reinach, E-Mail:
gottfried.schatz@unibas.ch
Gottfried Schatz wurde am 18. August 1936 in Strem, einem kleinen österreichischen Dorf nahe der ungarischen Grenze geboren. Er studierte in Graz Chemie und forschte dann als Biochemiker an der Universität Wien und am Public Health Research Institute der Stadt New York. Im Jahre 1968 emigrierte er mit seiner Familie in die USA und übernahm an der Cornell University in Ithaca im Staat New York eine Professur für Biochemie. Sechs Jahre später kehrte er nach Europa zurück, um am neu gegründeten Biozentrum der Universität Basel zu arbeiten und es auch für einige Jahre zu leiten.
Nach seiner Emeritierung im Jahre 1999 präsidierte er während vier Jahren den Schweizerischen Wissenschafts- und Technologierat (SWTR), ein unabhängiges Beratungsgremium des Schweizer Bundesrates. Er erhielt zahlreiche nationale und internationale Preise und Auszeichnungen sowie zwei Ehrendoktorate und ist Mitglied vieler wissenschaftlicher Akademien in der ganzen Welt. Als Student und junger Assistent war er nebenher auch als Geiger im Grazer Philharmonischen Orchester und an österreichischen Opernhäusern tätig. Seine dänische Frau und er haben drei Kinder.
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Letzte Änderung: 2007-05-31 16:15:16