von Prof. em. Dr. Gottfried Schatz
Die Hersteller von Chanel 5 wissen es: Keine Sinnesempfindung wirkt unmittelbarer auf unsere Gefühle als ein Geruch. Einer meiner Studienfreunde verpatzte jedes Mal sein chemisches Experiment, wenn eine Laboratoriumskollegin zufällig das Parfum seiner Angebeten trug. Und für den Dichter Hugo von Hofmannsthal war die Erinnerung an den Geruch feuchter Steine in einer Hausflur wesentlicher Teil seines inneren Besitzes. Dies scheint zwar weniger erotisch, doch vielleicht hat der für sein überfeinertes Sprachgefühl bekannte Dichter dem Flur hier nicht ohne Absicht weibliches Geschlecht zugesprochen. Die Nase ist für uns biologisch wichtig - warum wäre sie sonst mit über vierhundert verschiedenen Geruchs-Sensoren bestückt? Kein anderer unserer Sinne leistet sich einen solchen Luxus. Jeder Sensor erkennt bestimmte Grundtypen von chemischen Strukturen, sodass wir bis zu einer Million verschiedener Substanzen wahrnehmen können. Dabei sind wir immer noch Stümper gegenüber einer Ratte, die über 1200 verschiedene Geruchs-Sensoren verfügt. Unsere fernen Vorfahren hatten deren 900, verloren aber mehr als die Hälfte während ihrer Entwicklung zum modernen Homo sapiens. Warum wohl? Insekten sprechen zueinander vorwiegend über Düfte: jeder Duft ist ein Wort, das Freundschaft bedeuten kann - oder Kampf auf Leben und Tod. Auch für Ratten und anderen Tiere sind Düfte ein wichtiges Kommunikationsmittel. Menschen verständigten sich jedoch immer mehr über Augen und Ohren, sodass ihr Geruchssinn über die Jahrmillionen verkümmerte.
Trotzdem können uns auch heute noch Düfte am Gängelband führen. Wenn man den Reklamen glauben darf, haben herb-duftende Rasierwässer für junge Damen ein hohes Gefahrenpotenzial. Richtig unheimlich sind jedoch körpereigene Duftstoffe, die das Verhalten anderer Menschen beeinflussen. Wir können diese "Pheromone" nicht bewusst riechen, weil sie wahrscheinlich über spezielle Sensoren wirken, die ihre Signale direkt in die Gefühlszentren des Gehirns leiten. Bei Tieren steuern solche Körperdüfte vor allem Sexualverhalten und Aggression. Bei uns Menschen bewirken sie, dass Frauen, die über längere Zeit einen Schlafsaal teilen, im gleichen Rhythmus zu menstruieren beginnen. Auch bei der Partnerwahl könnten Pheromone eine gewichtigere Stimme haben, als wir glauben. Der Mensch soll ein rationales Wesen sein? Dass ich nicht lache!
Prof. em. Dr. Gottfried Schatz, Reinach, E-Mail:
gottfried.schatz@unibas.ch
Gottfried Schatz wurde am 18. August 1936 in Strem, einem kleinen österreichischen Dorf nahe der ungarischen Grenze geboren. Er studierte in Graz Chemie und forschte dann als Biochemiker an der Universität Wien und am Public Health Research Institute der Stadt New York. Im Jahre 1968 emigrierte er mit seiner Familie in die USA und übernahm an der Cornell University in Ithaca im Staat New York eine Professur für Biochemie. Sechs Jahre später kehrte er nach Europa zurück, um am neu gegründeten Biozentrum der Universität Basel zu arbeiten und es auch für einige Jahre zu leiten.
Nach seiner Emeritierung im Jahre 1999 präsidierte er während vier Jahren den Schweizerischen Wissenschafts- und Technologierat (SWTR), ein unabhängiges Beratungsgremium des Schweizer Bundesrates. Er erhielt zahlreiche nationale und internationale Preise und Auszeichnungen sowie zwei Ehrendoktorate und ist Mitglied vieler wissenschaftlicher Akademien in der ganzen Welt. Als Student und junger Assistent war er nebenher auch als Geiger im Grazer Philharmonischen Orchester und an österreichischen Opernhäusern tätig. Seine dänische Frau und er haben drei Kinder.
© 2009
, Postfach, 3000 Bern 14 - Tel.: +41 31 356 73 84, Fax +41 31 356 73 01
Letzte Änderung: 2007-05-31 16:15:07