Forum - ForscherBlick: Ruhestörende Wissenschaft

von Prof. em. Dr. Gottfried Schatz

Immer wieder muss ich es hören: "Wissenschafter wollen alles messen und zählen und dann fein säuberlich in nummerierte Kästchen verstauen. Aber wenn sie einmal alles katalogisiert und geordnet haben, wird unsere Welt langweilig sein. Es gibt Vieles zwischen Himmel und Erde, das wir nie verstehen werden - und dies ist gut so".

Ich gebe es zu - einiges an dieser Kritik gefällt mir, obwohl ihre Ordnungsfeindlichkeit Mutter Helvetia zutiefst verletzen dürfte. Hat Wissenschaft unsere Welt aber tatsächlich "geordnet"? Als die Erde noch Zentrum des Universums war, schien alles noch einfach, doch plötzlich war sie nur mehr ein Planet, der wie viele andere um unsere Sonne kreiste. Selbst diese erwies sich bald als ein Stern unter Abermilliarden. Und heute müssen wir damit leben, dass unser Universum eine explodierende Granate ist, deren Trümmer mit unvorstellbarer Geschwindigkeit ins Leere rasen. Es ist ein Hexenkessel aus nuklearen Feuern, gegeneinander kämpfenden Sternenpaaren und mysteriösen Schwarzen Löchern, die nicht nur unsere Vorstellungskraft, sondern oft auch unsere derzeitige Physik überfordern. Und sie alle sind nur ein kleiner Teil der Materie des Universums - wo der Rest ist und wie er aussieht, ist noch ungeklärt. Wenn Sie dies Ordnung nennen, dann möchte ich lieber nicht wissen, wie es bei Ihnen zuhause aussieht.

Auch wir Biologen haben die öffentliche Ruhe arg gestört. Das Wissen um biologische Evolution war zur Zeit Wilhelm Tells ebenso inexistent wie dieser selbst, und der Mensch ein einmaliger Schöpfungsakt des sechsten Tages. Doch dann bescherte uns die Biologie eine reiche Ahnengalerie von Lebewesen, die immer menschlichere Züge trugen. Wer war nun der "erste Mensch"? War es der noch affenähnliche Australopithecus? Oder vielleicht Homo habilis oder Homo erectus, die beide bereits Werkzeuge verwendeten? Oder war es unsere Spezies, die ein Witzbold Homo sapiens (weiser Mensch) getauft hat? Sie können frei wählen. Wissenschaft macht unsere Welt nicht "ordentlicher", sondern spannender. Sie ist eben eine Revolutionärin und keine Ordnungshüterin. Ewige Ordnung und fein sortierte Schächtelchen überlässt sie lieber den religiösen Fundamentalisten.


Gottfried SchatzProf. em. Dr. Gottfried Schatz, Reinach, E-Mail: gottfried.schatz@unibas.ch

Gottfried Schatz wurde am 18. August 1936 in Strem, einem kleinen österreichischen Dorf nahe der ungarischen Grenze geboren. Er studierte in Graz Chemie und forschte dann als Biochemiker an der Universität Wien und am Public Health Research Institute der Stadt New York. Im Jahre 1968 emigrierte er mit seiner Familie in die USA und übernahm an der Cornell University in Ithaca im Staat New York eine Professur für Biochemie. Sechs Jahre später kehrte er nach Europa zurück, um am neu gegründeten Biozentrum der Universität Basel zu arbeiten und es auch für einige Jahre zu leiten.

Nach seiner Emeritierung im Jahre 1999 präsidierte er während vier Jahren den Schweizerischen Wissenschafts- und Technologierat (SWTR), ein unabhängiges Beratungsgremium des Schweizer Bundesrates. Er erhielt zahlreiche nationale und internationale Preise und Auszeichnungen sowie zwei Ehrendoktorate und ist Mitglied vieler wissenschaftlicher Akademien in der ganzen Welt. Als Student und junger Assistent war er nebenher auch als Geiger im Grazer Philharmonischen Orchester und an österreichischen Opernhäusern tätig. Seine dänische Frau und er haben drei Kinder.

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