Forum - ForscherBlick: Verflixter Sauerstoff

von Prof. em. Dr. Gottfried Schatz

"Morgen fahre ich in mein geliebtes Berghotel" schwärmte mein Onkel Paul. "Dort bekomme ich endlich wieder genug Sauerstoff. Der ist für mich ein echter Aufsteller". Als Chemiker und erst recht als Professor wäre es meine Pflicht gewesen, ihm zu sagen, dass Basel selbst zur Fasnachtszeit mehr von diesem Aufsteller anzubieten hat als sein Hotel hoch in der dünnen Alpenluft. Aber dann hätte ich sofort wieder hören müssen "Professur reimt sich auf Korrektur". Zudem war Onkel Pauls Berghotel weitum für seine gemischte Sauna bekannt und ich konnte nicht ausschliessen, dass es mit deren Atmosphäre eine besondere Bewandtnis hatte.

Onkel Pauls Glaube an Sauerstoff war dennoch nicht ganz unbegründet, denn ohne dieses Gas würde die Atmung unserer Zellen ebenso schnell verlöschen wie eine brennende Kerze in einem mit Kohlendioxid gefüllten Gärkeller. Wenn wir atmen, verbrennen wir Nahrung und verwenden einen Teil der dabei freiwerdenden Energie, um uns am Leben zu erhalten. Atmung ist die intensivste Energiequelle, die das Leben auf unserer Erde kennt. Unser Körper produziert, auf das Gewicht bezogen, jede Sekunde etwa zehntausendmal mehr Energie als die Sonne! Wenn Ihnen jemand vorwerfen sollte, Sie seien faul, haben Sie jetzt eine gute Antwort bereit.

Doch die Atmungsmaschinen unserer Zellen sind nicht perfekt; sie produzieren hoch korrosive Abfallprodukte - sogenannte Sauerstoffradikale - die unsere Zellen schädigen. Vor allem unser Erbmaterial - die DNS - erleidet durch diese chemischen "Funken" täglich Hunderttausende von bedrohlichen Erbschäden. Zum Glück kann unser Körper fast alle diese Erbschäden wieder reparieren, doch einige bleiben und häufen sich über die Jahre an. Auch die Eiweisse und Fette unserer Zellen erleiden Sauerstoff-Schäden, die für viele unserer Alterserscheinungen verantwortlich sind. Unser Leben ist ein stetiger Abwehrkampf gegen die zerstörerische Kraft des Sauerstoffs. Unsere Bundesgenossen in diesem Kampf sind oxidationshemmende Stoffe wie die Vitamine C und E, Karotine, oder Coenzym Q10. Viele meiner Kollegen - und alle Pharmafirmen - meinen, dass unser Körper nicht genug von diesen Stoffen zur Verfügung hat und dass wir sie deshalb auch noch zusätzlich in Pillenform einnehmen sollten. Vielleicht werde ich Onkel Paul eine Packung für seine gemischte Sauna mitgeben?


Gottfried SchatzProf. em. Dr. Gottfried Schatz, Reinach, E-Mail: gottfried.schatz@unibas.ch

Gottfried Schatz wurde am 18. August 1936 in Strem, einem kleinen österreichischen Dorf nahe der ungarischen Grenze geboren. Er studierte in Graz Chemie und forschte dann als Biochemiker an der Universität Wien und am Public Health Research Institute der Stadt New York. Im Jahre 1968 emigrierte er mit seiner Familie in die USA und übernahm an der Cornell University in Ithaca im Staat New York eine Professur für Biochemie. Sechs Jahre später kehrte er nach Europa zurück, um am neu gegründeten Biozentrum der Universität Basel zu arbeiten und es auch für einige Jahre zu leiten.

Nach seiner Emeritierung im Jahre 1999 präsidierte er während vier Jahren den Schweizerischen Wissenschafts- und Technologierat (SWTR), ein unabhängiges Beratungsgremium des Schweizer Bundesrates. Er erhielt zahlreiche nationale und internationale Preise und Auszeichnungen sowie zwei Ehrendoktorate und ist Mitglied vieler wissenschaftlicher Akademien in der ganzen Welt. Als Student und junger Assistent war er nebenher auch als Geiger im Grazer Philharmonischen Orchester und an österreichischen Opernhäusern tätig. Seine dänische Frau und er haben drei Kinder.

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