Forum - ForscherBlick: Was ist ein Mensch?

von Prof. em. Dr. Gottfried Schatz

Forscher haben es bewiesen: Die als Don Juans bekannten Männchen einer Prärie-Wühlmaus werden durch die Veränderung eines einzigen Gens zu treuen Ehemännern. Sollten Sie in derartigen Belangen ein schlechtes Gewissen haben, können Sie sich aber jetzt nicht einfach hinter Ihren Genen verstecken. Wir Menschen sind viel komplexer als Wühlmäuse und keineswegs Sklaven unserer Gene. Eltern, Lebenspartner, Geschwister, Lehrern und Freunde sowie unser eigener Wille sind für unsere individuelle Entwicklung fast ebenso entscheidend wie die ererbten Gene. Ein völlig isoliert aufgezogener Mensch hätte zwar einen normalen Körper, wäre aber ein grauenhafter Homunkulus ohne Sprache, Moral oder menschliche Bindungen. Wir Menschen erben eben nicht nur chemische Gene, sondern auch geistige. Wir nennen sie "Kultur". Deswegen können getrennt aufwachsende eineiige Zwillinge trotz gleicher Erbanlagen oft recht unterschiedliche Persönlichkeiten entwickeln. Unsere chemischen Gene sagen nicht, was wir sind, sondern nur, was wir sein könnten. Ich finde dies wunderbar.

Wenn wir nicht blosses Entwicklungsprodukt einer befruchteten Eizelle sind - was ist dann "ein Mensch"? Im Reagensglas vermischte Ei- und Spermienzellen? Eine bei minus 270 Grad eingefrorene, befruchtete Eizelle? Eine, die sich bereits im Uterus eingenistet hat? Ein sandkorngrosser Embryo? Oder ein Embryo, dessen kleines Gehirn bereits die Mutter spürt und durch diese geformt wird? Jeder von uns kann diese Frage nach eigenem Gutdünken beantworten. Dies gilt jedoch nicht für eine demokratische Gesellschaft, die den Einsatz von menschlichen Stammzellen und die Grenzen der Reproduktionsmedizin gesetzlich regeln will. Diese revolutionären Techniken eröffnen zwar ungeahnte medizinische Möglichkeiten, werfen aber auch schwierige Fragen auf, die nur Diktaturen und fundamentalistische Gottesstaaten per Dekret entscheiden können. Eine offene Gesellschaft muss auf solche Kraftakte verzichten und in offener Diskussion eine mehrheitsfähige Antwort suchen. Dies zu tun ist schwierig, aber auf lange Sicht der bessere Weg. Wissenschaftliche Entdeckungen geben uns mehr Entscheidungsmöglichkeiten und damit mehr Freiheit, doch jede Generation muss diese Freiheit neu für sich erkämpfen.


Gottfried SchatzProf. em. Dr. Gottfried Schatz, Reinach, E-Mail: gottfried.schatz@unibas.ch

Gottfried Schatz wurde am 18. August 1936 in Strem, einem kleinen österreichischen Dorf nahe der ungarischen Grenze geboren. Er studierte in Graz Chemie und forschte dann als Biochemiker an der Universität Wien und am Public Health Research Institute der Stadt New York. Im Jahre 1968 emigrierte er mit seiner Familie in die USA und übernahm an der Cornell University in Ithaca im Staat New York eine Professur für Biochemie. Sechs Jahre später kehrte er nach Europa zurück, um am neu gegründeten Biozentrum der Universität Basel zu arbeiten und es auch für einige Jahre zu leiten.

Nach seiner Emeritierung im Jahre 1999 präsidierte er während vier Jahren den Schweizerischen Wissenschafts- und Technologierat (SWTR), ein unabhängiges Beratungsgremium des Schweizer Bundesrates. Er erhielt zahlreiche nationale und internationale Preise und Auszeichnungen sowie zwei Ehrendoktorate und ist Mitglied vieler wissenschaftlicher Akademien in der ganzen Welt. Als Student und junger Assistent war er nebenher auch als Geiger im Grazer Philharmonischen Orchester und an österreichischen Opernhäusern tätig. Seine dänische Frau und er haben drei Kinder.

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