Bern, 29. Mai 2002. Pflanzenforschern des deutschen Max-Planck-Instituts für Züchtungsforschung gelang erstmals die Isolierung eines Gens aus Kartoffeln, das die Pflanzen widerstandsfähig macht gegen die gefürchtete Kraut- und Knollenfäule. Diese Entdeckung eröffnet den Weg, die pflanzeneigenen Abwehrmechanismen gegen den Schadpilz auf molekularer Ebene zu erforschen, um in Zukunft mit Hilfe der Genforschung resistente Kartoffelsorten zu züchten und den Einsatz von Pilzbekämpfungsmitteln zu verringern. Das Beispiel zeigt, dass Gentechnik andere Züchtungsmethoden sinnvoll ergänzt. Es wäre kurzsichtig und ungerechtfertigt, wenn sich die Schweizer Landwirtschaft diesen Weg für die Zukunft durch ein Anbaumoratorium für gentechnisch veränderte Pflanzen versperrt.
Gefürchtete Kartoffelkrankheit
Mit rund 12'000 Hektaren Anbaufläche zählt die Kartoffel zu den wichtigsten
Kulturpflanzen in der Schweizer Landwirtschaft. Phytophtora infestans, der
Erreger der Kraut- und Knollenfäule, ist weltweit der gefürchtetste
Schadpilz im Kartoffelanbau. Allein in der Schweiz werden jährlich gegen
diese Krankheit über 50 Tonnen Fungizide (Pilzbekämpfungsmittel)
eingesetzt. Häufig kommen dabei anorganische Kupferpräparate zur Anwendung.
Das Schwermetall Kupfer ist in höheren Mengen giftig für Mensch und Tier,
reichert sich im Boden an und kann ihn auf Dauer unfruchtbar machen. Sowohl
in der integrierten Produktion wie im Biolandbau dürfen pro Jahr 4kg/ha
Kupfer eingesetzt werden.
Seit rund 50 Jahren wurden in der Kartoffelzüchtung widerstandsfähige
Wildformen, die man in Mexiko und Südamerika fand, in kommerzielle
Kartoffelsorten eingekreuzt. Durch seine Anpassungsfähigkeit gelang es dem
Schadpilz jedoch immer wieder, die Resistenz dieser Kartoffelzüchtungen zu
durchbrechen. Das Verständnis der genetischen Grundlagen dieser
pflanzeneigenen Pilzresistenzen ist daher zentral für die langfristige
Verbesserung der Widerstandsfähigkeit von Kartoffelsorten, mit denen die
Verwendung von Fungiziden im Kartoffelanbau verringert werden kann.
Vielversprechende gentechnische Strategien
Wissenschaftern des Max-Planck-Instituts für Züchtungsforschung ist es nun
erstmals gelungen, das Resistenz-Gen R1 aus der Kartoffel zu isolieren. Die
Arbeit der Kölner Forscher wurde in der neuesten Ausgabe des
Wissenschaftsmagazins "The Plant Journal" veröffentlicht (Ausgabe 30 (3)
2002). Werden die Pflanzen von der Kraut- und Knollenfäule befallen, löst
dieses Gen eine Serie von Abwehrreaktionen aus, welche die Ausbreitung des
Pilzes erschweren. Zudem führt es zur Produktion von Abwehrstoffen, die
giftig für den Pilz sind.
Das R1-Gen gehört zu einer Familie von Resistenzgenen, die in der
Kartoffelpflanze für die Abwehr von verschiedenen Krankheiten und
Frassschädlingen verantwortlich sind. Die Entdeckung dieses Gens ermöglicht
nun das Auffinden von weiteren Genen, die an der Resistenz gegen die
Pilzkrankheit beteiligt sind - ein Prozess, der heute von der
Pflanzenforschung erst ansatzweise verstanden wird. Dank diesen
Forschungsarbeiten wird es in Zukunft möglich sein, die pflanzlichen
Abwehrstrategien besser zu verstehen und sie für die Züchtung neuer,
resistenter Kartoffelsorten zu nutzen.
Moratorium ist keine Lösung
Dieses Beispiel zeigt, dass in einigen Jahren neue gentechnisch veränderte
Sorten zur Verfügung stehen werden, die auch den Schweizer Bauern klare
Vorteile bringen und durch die Verminderung des chemischen
Spritzmitteleinsatzes ökologisch sinnvolle Alternativen ermöglichen werden.
Damit der schweizerischen Landwirtschaft diese Optionen zur Verfügung
stehen, braucht es klare gesetzliche Richtlinien, mit denen Risiken
vermieden und wertvolle Anwendungen gefördert werden. Ein Moratorium für
den Anbau gentechnisch gezüchteter Kulturpflanzen wäre nicht nur ein
verheerendes Signal für die Pflanzenforschung in der Schweiz sondern würde
den Landwirten die Anwendung neuer, resistenter Sorten verunmöglichen.
Verbote - auch zeitlich befristete - sind der falsche Weg.
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