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"Buch des Lebens geöffnet"

Genetiker feiern "Jahrtausend-Erfolg"

London (sda/dpa) Mit der Entschlüsselung des ersten menschlichen Chromosoms haben britische Forscher nach eigenen Worten das "Buch des Lebens" geöffnet.

Der Dezember 1999 werde in die Wissenschaftsgeschichte eingehen, weil in diesem Monat erstmals die Abfolge aller Erbinformationen auf einem der 23 Chromosomen veröffentlicht worden sei. "Die Variationsbreite der Gene ist äusserst überraschend", sagte Ian Dunham, der Leiter des Forschungsprojekts am Sanger-Zentrum in Cambridge, auf einer Pressekonferenz am Mittwoch in London.

Das entschlüsselte Chromosom 22 umfasst 1,6 bis 1,8 Prozent des menschlichen Erbguts, schreibt das Team um Dunham im Fachjournal "Nature" (Bd. 402, S. 467). Dunham nimmt an, dass mindestens 35 Erbkrankheiten und Syndrome mit Veränderungen auf dem Chromosom in Verbindung stehen.

Noch kein Durchbruch in der Krebsforschung

So seien bereits Gene bekannt, die bei Schizophrenie und der Bewegungsstörung Spinale Ataxie eine Rolle spielen. Auch viele Krebsarten sind zum Teil erblich bedingt. "Es wird aber nicht schon morgen neue Hilfe geben", warnte der Krebs-Experte Peter Scambler. "Zunächst muss konsequent weiter in die Forschung investiert werden."

Die Forscher kennen vom Chromosom 22 nun 545 Gene und 134 Pseudogene. Diese Relikte der Evolution stammen von Genen ab, die früher funktionsfähig gewesen sein müssen, jetzt aber inaktiv sind. Die entdeckten Gene auf dem Chromosom waren beim Menschen bisher zu 55 Prozent unbekannt.

Dunham musste sich allerdings gegen den Vorwurf verteidigen, die Ergebnisse vorschnell veröffentlicht zu haben. Denn die Abfolge der Bausteine von Chromosom 22 ist noch nicht zu 100, sondern erst zu 97 Prozent bekannt. Einige kleine Lücken bleiben. Sie könnten mit den zurzeit bestehenden Forschungsmethoden jedoch nicht geschlossen werden, sagte Dunham. Deshalb habe es keinen Zweck gehabt, noch zu warten.

Verhindern eines Patents

Die britischen Wissenschafter hatten sich einen Wettkampf mit dem US-Unternehmen Celera geliefert. Celera wollte sich den Gencode patentieren lassen und damit das alleinige Nutzungsrecht sichern. Dies habe man nicht zulassen können, sagte Michael Morgan, Leiter der von Wellcome Trust finanzierten Genforschungsprojekte.

"Diese Informationen sollten für jedermann frei verfügbar sein und nicht patentiert werden", sagte er. Grundlagenerkenntnisse, von denen die gesamte Menschheit profitieren könne, dürften nicht von einem Privatunternehmen beansprucht werden. Noch am Mittwochabend wollten die Forscher ihre Ergebnisse detailliert im Internet darstellen.

In drei Jahren soll das menschliche Erbgut im Rahmen des "Human Genome Projects" (Hugo) komplett entschlüsselt sein. Der "genetische Mikrochip" des Menschen enthält etwa drei Milliarden Informationseinheiten.

Das bereits entschlüsselte Chromosom 22 besteht aus 34 Millionen solcher "Buchstaben". Eine Karte der menschlichen Gene ist jedoch nur ein Teilerfolg. Wichtig ist die Erforschung ihrer einzelnen Funktionen und ihres Zusammenspiels im Körper.

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