Abbau von 3000 Stellen weltweit - Auswirkungen für Schweiz offen
Basel (sda) Novartis geht im schwierigen Agrochemie-Geschäft in die Offensive. Der Basler Konzern und die britsch-schwedische AstraZeneca spannen zusammen. Daraus entsteht der mit Abstand weltgrösste Agro-Konzern mit 23 500 Beschäftigten und einem Umsatz von 12 Mrd. Franken. Ein Abbau von 3000 Stellen steht bevor.
Durch die Fusion entsteht das weltweit erste ganz auf das Agrochemiegeschäft ausgerichtete Unternehmen, wie Novartis am Donnerstag bekannt gab. Es trägt den Namen Syngenta und soll seinen Sitz in Basel haben.
Die beiden Unternehmen hätten in ihrer Produktepalette nur wenige Überschneidungen, sagte der neue Syngenta-Verwaltungsratspräsident Heinz Imhof am Donnerstag an der Medienkonferenz.
Neue Marktleaderin
Im Bereich Pflanzenschutz werde Syngenta zum weltweiten Marktführer. Beim Saatgut ist das neue Unternehmen die Nummer Drei hinter DuPont und Monsanto. Insgesamt wird der Marktanteil von Syngenta auf 25 Prozent geschätzt. Die deutsch-französische Aventis kommt auf 16 Prozent, der US-Konzern Monsanto auf 13 Prozent.
Die Gentechnologie sieht Imhof nicht als ein Kerngeschäft von Syngenta. Genverändertes Saatgut mache nur etwa 2 Prozent der gesamten Verkäufe aus. Der Fokus liege eher auf dem Pflanzenschutz.
Synergien mit Pharma marginal
"Bei der Überprüfung unseres Portfolios haben wir festgestellt, dass die Synergien des Gesundheits-Bereichs mit Agro marginal sind", begründete Novartis-Chef Daniel Vasella die Agro-Ausgliederung. Der Kontakt mit AstraZeneca sei bereits Anfang Mai aufgenommen worden.
Dabei habe sich AstraZeneca schnell als der richtige Partner herausgestellt. 1999 werde zwar noch zum schlechtesten Jahr im zyklischen Agrochemie-Geschäft. Doch bereits für 2000 erwartet Vasella eine markante Verbesserung. Dank der Fusion werde sich die Rentabilität signifikant erhöhen.
Massiver Stellenabbau
Der auf Mitte 2000 geplante Abschluss der Fusion soll schrittweise Einsparungen bringen, die ab dem dritten Jahr jährlich 525 Mio. Dollar betragen. Auf der anderen Seite fallen Fusionskosten von 850 Mio. Dollar an, unter anderem für den geplanten Abbau von weltweit 3000 Arbeitsplätzen. Der Abbau soll über drei Jahre erfolgen.
Noch offen ist, wo diese Stellen abgebaut werden. Der Stellenabbau werde aber sicherlich "sozial abgesichert" sein, versicherte Imhof. Das bereits früher angekündigte Sparprogramm wird weitergeführt. Novartis hatte damals den Abbau von 1100 Stellen in der Agrochemie, davon 250 in der Schwweiz, bekannt gegeben.
Kampfmassnahmen angedroht
In der Schweiz beschäftigt Novartis heute im Bereich Agrochemie an den sieben Standorten Basel, Schweizerhalle BL, Stein AG, Kaisten AG, Münchwilen AG, Dielsdorf ZH und Monthey VS rund 3000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Weltweit sind es 15 000. Die neue Syngenta wird rund 23 500 Leute beschäftigen. Davon entfallen 19 200 auf den Pflanzenschutz und 4300 auf das Saatgut.
Gewerkschaften und Angestelltenverbände reagierten empört auf den angekündigten Stellenabbau. GBI und Syna drohen mit Kampfmassnahmen. Der Arbeitsplatzabbau erfolge aus purem Profit- und Aktionärs-Denken. Das sei inakzeptabel, schreibt die GBI.
Das sei die traurige Melodie des Wirtschaftsliberalismus. Die Multis erfüllten ihre Friedenspflicht mit Entlassungen, so dass statt sozialem Frieden bald Grabesstille in den Werkstatthallen und Laboratorien herrschen werde, kritisiert Syna.
61 Prozent für Novartis-Aktionäre
Das neue Unternehmen Syngenta soll 111,7 Mio. Namenaktien ausgeben. Davon werden die Novartis-Aktionäre 61 Prozent erhalten, 39 Prozent entfallen auf die Anteilseigner von AstraZeneca. Das bedeutet, dass die Novartis-Aktionäre für zehn Fr. eine Aktie der Syngenta kaufen können. Die AstraZeneca-Aktionäre erhalten für rund 40,83 Aktien einen Syngenta-Titel.
Die Aktien des neuen Unternehmens sollen an der Schweizer Börse sowie in London, New York und Stockholm gehandelt werden. Gemessen an den Abschlüssen des Jahres 1998 kommt das neue Unternehmen auf einen kombinierten Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (EBITDA) von 1,6 Milliarden Dollar. Der Umsatz wird mit 7,9 Mrd. Dollar (rund 12 Mrd. Franken) angegeben.
Weko prüft
Der neue Syngenta-Präsident Heinz Imhof ist derzeit Leiter der Novartis-Division Agribusiness. Der zwölfköpfige Verwaltungsrat setzt sich aus je sechs Mitglieder von Novartis und AstraZeneca zusammen. Operativer Chef wird Michael Pragnell, der heutige Konzernchef von Zeneca Agrochemicals.
Die Zusammenlegung muss noch von den Generalversammlungen im kommenden April (Novartis) und Mai (AstraZeneca) beschlossen werden. Ebenfalls zustimmen müssen noch verschiedene Wettbewerbsbehörden. Vasella sieht darin kein Problem.
Für die Wettbewerbskommission (Weko) in der Schweiz ist noch unklar, ob es sich um einen meldepflichtigen Zusammenschluss handle. Beide Firmen hätten aber mit der Weko Kontakt aufgenommen, sagte Weko-Vizedirektor Patrik Ducrey.
An der Börse wurde die Fusion begrüsst. Die Novartis-Aktie legte im Eröffnungsgeschäft über ein Prozent zu. Am Nachmittag lag der Kurs mit 2511 Franken noch 0,45 Prozent Prozent oder elf Franken über dem Vortag. Gerüchte in den letzten Tagen trieben die Kurse bereits vor der Ankündigung deutlich in die Höhe.
An der Börse gab es sofort neue Spekulationen, Novartis könnte auch im übrigbleibenden Pharma-Bereich "etwas machen". Er sehe keine Notwendigkeit mit einem anderen Unternehmen zu fusionieren, versuchte Vasella die Gerüchte abzudämpfen. Novartis konzentriere sich künftig voll auf das Pharmageschäft.
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Letzte Änderung: 2004-09-17 09:35:59