Von Gisela Ostwald, dpa
New York (sda/dpa) Nach Jahren der Trippelschritte und schweren Fehlschläge sah es bis vor kurzem schlecht aus um die Gentherapie. Mehr als 420 Studien an 4000 Patienten in aller Welt liessen keinen Durchbruch erkennen.
Als Anfang 2000 dann auch noch der erste Patient den Folgen eines gentherapeutischen Experiments erlag, glaubten manche Experten an das Ende einer vielversprechenden, aber viel zu früh bejubelten neuen Technologie.
Doch kurz vor ihrem zehnten Jubiläum am 14. September wendete sich das Blatt und der Forscher, der als ihr Pionier gilt, triumphierte erleichtert: "Wie jedes andere Verfahren braucht die Gentherapie einfach ihre Zeit zur Entwicklung", bilanzierte French Anderson von der Universität von Südkalifornien.
Auch Antibiotika und Organtransplantationen hätten Jahre zum Ausreifen benötigt. Selbst beim bemannten Mondflug habe es "Schlappen und Enttäuschungen gegeben", erinnert Anderson.
Erster Sieg
Grund für Zuversicht gibt den Spezialisten der erste klare Sieg französischer Gentherapeuten im April dieses Jahres. Einem Team um Alain Fischer und Marina Cavazzana-Calvo am Necker Kinderspital in Paris gelang es, das Leben mehrerer Babys zu retten, die sonst vermutlich einer schweren Störung des Immunsystems erlegen wären.
Nur drei Monate nach ihrer Behandlung konnten die ersten beiden Jungen, einer acht und der andere elf Monate alt, erstmals bei ihren Familien sein. Ein gutes halbes Jahr später galten sie als geheilt. Babys mit ihrer Krankheit, schweres kombiniertes Immunversagen oder SCID genannt, feiern selten den ersten Geburtstag.
Nur das isolierte Dasein unter einer sterilen Glocke oder alternativ eine Rückenmarkstransplantation mit weniger als 60 Prozent Aussicht auf Erfolg hatte sie bisher am Leben halten können. Kenner räumen ein, dass sich SCID "perfekt" für eine Gentherapie eignet. Die Zellen, die zur Heilung der Krankheit ein neues Gen brauchen, sind im Rückenmark angesiedelt und damit relativ leicht zu erreichen. Die genetisch korrigierten Zellen breiten sich mit Hilfe der Körperhormone schnell aus und ersetzen die Zellen mit defekten Genen.
Gentherapien gegen ein gutes Dutzend andere Krankheiten, kardiovaskuläre Leiden, die Alzheimer Krankheit, Hypercholesterinämie (Überproduktion von Cholesterin) und vor allem Tumore, sind weitaus komplizierter und daher noch nicht so weit fortgeschritten.
Noch keine Hilfe bei Krebs
Nach einer Aufstellung des "Wiley Journal of Gene Medicine" vom Juni 2000 versuchen Forscher in aller Welt derzeit in 279 Studien an 2459 Patienten, Krebs mit Hilfe intakter Gene zu bekämpfen. Keiner der Versuche hat bisher zum langfristigen Erfolg geführt.
Gentherapien für Leiden, die durch ein einziges defektes Gen verursacht werden (monogenetische Störungen), werden in weiteren 55 Studien an 306 Patienten erprobt, und Infektionskrankheiten in 33 Untersuchungen an 412 Kranken.
Die USA sind laut dem Journal der Schrittmacher auf dem gentherapeutischen Feld mit 310 Studien (72,9 Prozent), gefolgt von Europa mit 97 Studien (22,8 Prozent) und Asien mit neun Versuchen (2,1 Prozent). In Australien laufen drei Studien und in Afrika eine.
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Letzte Änderung: 2004-09-17 09:35:59