Nützt die Gentechnologie in der Landwirtschaft nur den Multis? Der ETH-Forscher Ingo Potrykus will mit einem hochwertigen, transgenen Reis den Gegenbeweis erbringen
Interview: Matthias Meili
Weltwoche: Herr Potrykus, das Wissenschaftsmagazin «Science» hat Ihren Reis den
«goldenen Reis» genannt. Wie schmeckt ein Risotto, der daraus zubereitet ist?
INGO POTRYKOS: Das haben wir noch nicht probiert. Der Reis ist dafür im Moment
einfach noch zu kostbar. Wir haben erst wenige Pflanzen im Gewächshaus bei
Effretikon, wo wir sie entwickelt haben. Jetzt müssen wir diese Reislinie, die
sich als Testsorte bewährt hat, noch mit den Sorten kreuzen, die in den
Entwicklungsländern am besten kommen. Es wird noch drei Jahre dauern, bis unser
Reis, der den Vitamin-A-Mangel der Menschen in den Entwicklungsländern beheben
kann, auf den Feldern angebaut wird.
Noch keine Ernte eingefahren also...
Seit zwei Wochen bin ich daran, die Früchte meiner neunjährigen Arbeit zu
ernten. In allen wichtigen Zeitungen wurde das Resultat vorgestellt,
amerikanische Fernsehstationen waren hier. Es ist unglaublich, wie viele
Reaktionen das ausgelöst hat. «Science» hat das Ergebnis als derart wichtig
eingeschätzt, dass ein Vorabdruck an weltweit 1700 Journalisten versandt worden
ist. Nur in der Schweiz hat das offenbar noch kaum jemand bemerkt.
Sind Sie stolz?
Ich bin tatsächlich stolz. Aber auch die Schweiz kann stolz sein, dass die
Arbeit hier gelungen ist.
Sie wollen Ihren Reis ohne Einschränkungen an die Reisbauern in den
Entwicklungsländern abgeben. Wie fühlt man sich als Wohltäter der Menschheit?
Seit 25 Jahren arbeite ich daran, einen Beitrag zur Ernährung der
hungerleidenden Weltbevölkerung zu leisten. Das mag mit meiner Erziehung zu tun
haben. Möglich. Ich denke, dass ich nur meine soziale Verantwortung wahrnehme.
Das gehört für mich zum Selbstverständnis eines Forschers. Neben dem Reisprojekt
habe ich noch fünfzig andere Projekte. Unter anderem eine Reissorte, die im Korn
Eisen anreichern wird. Das wird noch mehr Menschen helfen, weil weltweit zwei
Milliarden an Eisenmangel leiden. Dass jetzt beim Provitamin-A-Reis der
Durchbruch gelungen ist, freut mich trotzdem ausserordentlich.
Freuen werden sich jetzt auch die Bauern...
Ich kann Ihnen sagen, es ist nicht einfach, etwas zu verschenken. Wir müssen nun
zuerst eine Studie machen lassen, wer alles Anspruch erheben könnte. Wir haben
ja verschiedenste Technologien benutzt, die von anderen Leuten patentiert worden
sind. Der Biotechnologie-Bereich ist vollkommen durchpatentiert. Das ist sehr
mühsam und verhindert meiner Meinung nach den wissenschaftlichen Fortschritt.
Diese Studie, die ein Institut der Cornell-Universität in New York zusammen mit
einer Arbeitsgruppe der Weltbank macht, dauert mindestens vier Monate. Sie hat
zum Ziel, das so genannte «Freedom to operate» zu erhalten. Das heisst, wir
wollen, dass alle Patentinhaber auf ihre Ansprüche verzichten und uns freie Hand
für den nichtkommerziellen Gebrauch des Reises geben.
Was ist eine nichtkommerzielle Nutzung?
Der Reis soll den Bauern in den Entwicklungsländern gehören, die ihn anpflanzen.
Sie werden davon auch ohne Einschränkungen Saatgut für das nächste Jahr aufheben
können, um den Reis weiterzuzüchten.
Da werden die internationalen Agro-Unternehmen ihr Veto einlegen, weil die dann
nichts mehr verkaufen können.
Nein, im Gegenteil. Kein Unternehmen wird es sich leisten können, dieser
Entwicklung Steine in den Weg zu legen. Es gibt bereits positive
Absichtserklärungen. Aber diese nichtkommerzielle Nutzung läuft den Interessen
der internationalen Agro-Unternehmen sowieso nicht entgegen. Reis wird in den
Entwicklungsländern nicht auf grossen Plantagen angebaut. Wir glauben deshalb,
dass wir gute Chancen haben.
Aber es wird doch sicher Firmen geben, die den Reis kommerziell nutzen wollen.
Das ist gut möglich, und da habe ich auch nichts dagegen einzuwenden. In
Entwicklungsländern leben viele Menschen, die an Vitamin-A-Mangel leiden, in den
Städten. Um diese Leute zu versorgen, wird eine kommerzielle Nutzung nötig sein.
Es wird Leute geben, die ihre Reisernte verkaufen müssen. Eine Gruppe von
Soziologen wird jetzt auch diese gesellschaftlichen Folgen untersuchen, die die
Einführung unseres Reises haben wird.
Haben Sie Ihren Reis nicht patentieren lassen?
Doch. Mein Partner, Peter Beyer von der Universität Freiburg, wollte das so. Ich
hätte es nicht gemacht. Ich wäre froh, wenn es keine Patente gäbe. Sie
verhindern viel Fortschritt. Allerdings könnte ich den Reis ohne Patent nicht
verschenken, das ist auch wieder wahr. Ich verstehe, wenn Unternehmen ihre
Produkte patentieren lassen, weil sie irgendwann das Geld, das sie in die
Forschung gesteckt haben, wieder verdienen müssen. Ich bin da natürlich in einer
vorteilhaften Position, da ich nur von öffentlichen und gemeinnützigen
Organisationen unterstützt worden bin. Ich hatte genügend Zeit und konnte neun
Jahre lang an der Entwicklung unseres Reises arbeiten. Das kann sich keine Firma
leisten.
Das ist ein Plädoyer für die öffentliche Forschung...
Unbedingt, ein sehr starkes dazu. Der Staat müsste noch viel mehr in diese Art
von Forschung stecken.
Wäre es nicht billiger, den Menschen einfach Vitamin-A-Tabletten zu verteilen,
anstatt mit viel Geld einen Hightech-Reis zu entwickeln?
Haben Sie schon diese Inserate in der Zeitung gesehen, in denen Sie gebeten
werden, für einen Franken einem Kind eine Jahresration Vitamin A zu spenden,
damit es nicht erblindet? Rechnen Sie selber. Ungefähr vierhundert Millionen
Menschen leiden an Vitamin-A-Mangel, hinzu kämen jährlich hundert Millionen
Franken für die Verteilung und Administration der Tabletten. Da machen sich die
vier Millionen Franken, die meine Experimente in neun Jahren gekostet haben,
geradezu lächerlich aus. Hinzu kommt, dass es beim Reis im Gegensatz zu
Vitamin-A-Tabletten nicht möglich ist, eine zu hohe Dosis zu erhalten. Der
menschliche Körper wandelt nicht mehr Provitamin A um als er braucht.
Hunger ist doch ein Verteilungsproblem...
Ja, eben. Gerade die Verteilung von Vitamin-A-Tabletten würde das Problem nicht
lösen. Per Pinstrup-Andersen, Leiter des International Food Policy Research
Institute, hat gesagt - wie viele andere Ernährungsexperten übrigens auch -,
dass man die Menschen mit Pillen schlicht nicht erreicht. Das Vitamin-A-Problem
lässt sich nur über hochwertigere Nahrungsmittel lösen. Natürlich wird die
Ernährung immer ein Verteilungsproblem bleiben, wie es immer arme und reiche
Leute geben wird. Unseren Reis werden jedoch die Bauern besitzen, die ihn
brauchen. Und sie werden daraus ihr Saatgut für das nächste Jahr ziehen können.
Dadurch bleiben die Produktionsstrukturen erhalten, was bei einer Verteilung
nicht der Fall ist. Jeder, der in der Entwicklungszusammenarbeit eine Ahnung
hat, weiss, dass unter einer Verteilung die lokale Landwirtschaft leidet, dass
Strukturen zerstört werden und die Bauern verarmen. Ob unser Reis das Problem
lösen wird, weiss ich nicht, aber es ist den Versuch wert. Wir helfen den
Entwicklungsländern, die Nahrungsmittel selber zu produzieren.
..und nehmen dafür die Risiken der Gentechnologie in Kauf.
Welche Risiken? Es gibt kein erkennbares Risiko. Die Argumentation ist sehr
eurozentrisch. Sehen Sie, fundamentale Gentechkritiker empfehlen, statt unseren
mit Provitamin A angereicherten Reis mehr Obst und Gemüse zu essen. Das ist
absolut zynisch, das empört mich. Reis ist das Grundnahrungsmittel für vierzig
bis fünfzig Prozent der Weltbevölkerung, zudem leiden an die vierhundert
Millionen Menschen an Vitamin-A-Mangel, jährlich sterben mehr als eine Million
Kinder, weil sie zu wenig davon erhalten. Da kann man nicht kom-men und schlicht
und einfach Obst empfehlen.
Ihrer Meinung nach ist die Angst vor der Gentechnologie unbegründet?
Absolut. Und zudem ziemlich unsachlich. Ich will Ihnen einen Vergleich nennen:
Früher sagte man uns, dass wir jeden Sonntag in die Kirche müssten, da wir sonst
nicht in den Himmel kämen. In diese Richtung geht diese pauschale Kritik an der
Gentechnologie. Ich erlebe sie seit neun Jahren, und ich finde sie recht mühsam,
weil sich die Kritiker keinen Deut um die eigentlichen Probleme und um die
Fakten kümmern. Und angesichts der Armut und der Krankheiten, die weltweit
grassieren, finde ich sie auch unverantwortlich.
Vor kurzem zeigte sich, dass ein transgener Mais trotz Schädlingsresistenz nur
mit einem ganzen Cocktail anderer Pestizide angebaut werden kann, um einen
leidlichen Ertrag zu liefern.
Die Biotechnologie muss sich auch noch entwickeln. Sie können nicht verlangen,
dass von Beginn weg das perfekte Produkt da ist, das war beim Auto auch nicht
so. Es war verständlich, dass die ersten transgenen Pflanzen herbizid- oder
pestizidresistent waren, weil die Gene dafür am einfachsten zu handhaben sind.
Ich behaupte auch nicht, dass man damit keinen Unsinn machen kann. Aber die
Chancen, die die Gentechnologie bietet, sind grösser als die Risiken. Dabei geht
es natürlich um Güterabwägung. Doch die soziale Verantwortung wahrnehmen heisst
auch, die Erkenntnisse der Wissenschaft im Dienste der Weltbevölkerung
einzusetzen.
Die Gentechnologie wird also das Welternährungsproblem lösen?
Sie wird einen Beitrag dazu leisten. Die Nahrung, die wir heute produzieren,
reicht bei optimaler Verteilung gerade für die jetzige Weltbevölkerung. Aber in
fünfzig Jahren werden wir neun Milliarden Menschen haben. Wir müssen
vorausdenken.
In der Vergangenheit wurden mit raffinierter Züchtung auch
Produktionsfortschritte erreicht, ohne dass man die umstrittene Manipulation am
Erbgut hätte machen müssen.
Das reicht nicht mehr. Jährlich gehen 45 Prozent der Reisernte verloren, wegen
Insekten- und Krankheitsbefall. Das heisst nicht, dass die Bauern bisher nichts
gemacht haben, um das zu vermeiden. Es ist einfach unmöglich, nur mit
ausgefeilter Züchtung diese Verluste zu verhindern. Hinzu kommen Fälle, die mit
Züchtung allein einfach nicht zu lösen sind. Es gibt weltweit 120 000 Reislinien
und Tausende Züchter. Wenn hier die Anreicherung von Provitamin A möglich
gewesen wäre, wäre es schon lange gemacht worden. Aber was ich getan habe, ist
mit blosser Züchtung einfach unmöglich.
Wieso?
Weil der Reis das Erbgut für die Synthese von Provitamin A zwar hat, doch die
Gene sind nicht aktiv und konnten bisher noch nie aktiviert werden. Die einzige
Lösung ist, aktive Gene von aussen einzubringen.
Sie sind zufrieden mit dem bundesrätlichen Vorschlag zur Gen-Lex?
Ja, ich bin froh, dass er sachlich entschieden hat und nicht wegen der
Gentech-Hysterie der Entwicklung weitere Steine in den Weg legt. Alles andere
wäre unverantwortlich gewesen.
Wäre ein Freisetzungsverbot nicht angebracht gewesen?
Wieso? Man weiss genug, um Freisetzungsversuche durchzuführen. Alles, was man
noch nicht weiss, kann man nur noch mit Freisetzungsversuchen herausfinden.
Aber der Konsument sollte immerhin die Freiheit haben, zwischen Gentech- und
anderen Produkten auswählen zu dürfen...
Natürlich, aber diese Freiheit hat er ja gar nicht, weil keine Gentechprodukte
auf dem Markt sind. Die Gentechgegner wollen fundamental die Entwicklung und
Wahlfreiheit verhindern. Schauen Sie mal, wozu das führt: Thailand gehört zu den
Reis expor-tierenden Ländern. Eine europäische Importfirma hat nun den
thailändischen Bauern, die unseren transgenen Reis anbauen wollen, einen Boykott
angedroht. Und das wegen dieser Hysterie, die sich in Europa ausgebreitet hat.
Das ist unverantwortlich, das ist reinster Neokolonialismus.
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Letzte Änderung: 2004-09-17 09:35:59