In Gemeinschaft mit der Zeitung "The Guardian" hat der Fernsehsender Channel Four im Bereich der Werbung gerade die Grenzen der Fairness überschritten
Von Roger Bate
Stellen Sie sich vor, Sie sehen im Fernsehen eine Sendung mit dem Titel "Die Strasse gehört Ihnen" - ein Magazin über Autos, das von Ford finanziert und von einer Initiative einer Zeitung unterstützt wird. Sie werden es für nicht viel mehr als eine Werbesendung mit hohem Informationswert halten und daher mit der gebotenen Skepsis behandeln. Stellen Sie sich nun aber vor, Sie sehen eine Sendung an, die Ihnen nahebringt, wieviel Freude es bereitet, Ihr eigenes Obst und Gemüse biologisch anzubauen und zuzubereiten, und diese Sendung wird durch einen kommerziellen Hersteller biologischer Produkte finanziert und von einer angesagten, linksorientierten Zeitung unterstützt. Wären Sie nicht ebenso skeptisch? Nun, offensichtlich nicht, wenn Sie Brite sind.
Der Fernsehsender Channel Four hat in Gemeinschaft mit der Zeitung "The Guardian" im Bereich der Werbung gerade die Grenzen der Fairness überschritten, indem dort die direkte Unterstützung einer solchen Sendung genehmigt wurde. Und aus der britischen Öffentlichkeit war nicht ein einziger Laut des Protestes zu hören.
Störende Filmkommentare
Das vergangene Wochenende brachte den Start einer neuen vierteiligen Serie des
Senders Channel Four mit dem Titel "Fork to Fork", in der britischen
Haushalten die Wunder des biologischen Anbaus nahegebracht werden. Der wunderschöne
Naturgarten, der sich im Besitz des Moderators Monty Don befindet, wird
liebevoll "ohne den Einsatz chemischer Substanzen" gepflegt, wie er betont.
Damit meint er natürlich ohne Einsatz "synthetischer" chemischer Substanzen,
aber gerade diese missverständliche Darstellungsweise ist es, die den Ton der
Sendung ausmacht. Es wirkt amüsant, leicht herablassend, und betont die
wissenschaftsfernen Mythen, die sich um den biologischen Anbau ranken.
Die nahezu pornographische Begeisterung des Moderators für frisch gerodete,
schnell gegarte neue Kartoffeln und seine interessanten Ratschläge über die
Eindämmung von Schädlingsbefall mit Hilfe von hölzernen Zäunen, Schafwolle
oder Schnittlauch hatte einen gewissen Unterhaltungswert. Dies galt jedoch weniger
für die Werbepausen. Die störenden Filmkommentare des Sponsors der Sendung,
die verkündeten: "Seeds of Change (Anm. d. Übers.: Saat der Veränderung): 100 %
biologische Nahrungsmittel" drängten sich in die Aufmerksamkeit des
Zuschauers.
Ich dachte zurück an die romantischen Bilder der Sendung, an Bauerngarten und
Eichenholzküche, den Ausverkauf des ländlichen Idylls an Städter, und fühlte
mich betrogen. Sah ausser mir niemand die Verbindung?
Seeds of Change, Krönung der Ironie, ist ein amerikanisches Unternehmen mit
Sitz in Santa Fe, New Mexico, das 1989 gegründet wurde. Auf der Website des
Unternehmens wird voller Stolz verkündet, das Unternehmen sei "besorgt über
die herkömmlichen Anbaumethoden, die den Einsatz von Pestiziden, Herbiziden und
chemischen Düngern erfordern". Statt auf intensive Anbauwirtschaft setzt man
dort auf eine biologische Lebensweise. Man ist fest entschlossen, diese
Vorstellungen und den Namen des Unternehmens in anderen Ländern zu verkaufen.
Daher profitiert man, wie jedes andere Unternehmen, von der Förderung des
eigenen Produktes und der subtilen Schwächung der Gegenseite.
Und sie und ihre biologischen Brüder sind ganz entschieden erfolgreich. In
Grossbritannien ist der Markt für biologische Produkte von £ 40 Mio. vor 10
Jahren auf £ 1 Mrd. im Jahr 1998 ge-wachsen. Diese massive Expansion hat
Grossunternehmen angezogen. Gesund-heitsbewusste Grossunternehmen, kein
Zweifel, aber Grossunternehmen.
Seeds of Change hat in den vergangenen Wochen Werbekampagnen gestartet,
wahrscheinlich in Übereinstimmung mit dem Start von "Fork to Fork". Man ist
dort sehr kreativ: Im angesagten Londoner Stadtteil Islington, wo Premierminister
Tony Blair wohnte, werden Bushaltestellen mit ihren Plakaten verziert. Man
weiss, dass der Markt für die eigenen Produkte bei den Stadtbewohnern der
mittleren Schichten zu suchen ist, die sich wünschen, durch den Konsum
biologischer Produkte zur Natur zurückkehren zu können. Des weiteren wurde im
vergangenen Monat eine achtseitige Beilage des Guardian finanziert, die den
Titel trug: "Easy Steps to Organic Living" (Anm. d. Übers.: "Naturbewusstes
Leben leicht gemacht"). Ein Artikel enthält sogar Ratschläge für die
biologische Ernährung eines Babys.
Das Meinungsforschungsinstitut MORI veranstaltete kürzlich eine Umfrage unter
den Briten, in deren Verlauf verschiedene Fragen über biologische
Nahrungsmittel gestellt wurden. Die Ergebnisse zeigen, dass mehr als die Hälfte derer, die
biologische Nahrungsmittel kaufen, glauben, diese seien "gesünder". Aber sind
biologische Nahrungsmittel wirklich so gesund? Und sollte ein Baby mit
biologischen Produkten ernährt werden?
Biologische Nahrungsmittel sind alle Nahrungsmittel - sogar Fleisch - , die
ohne den Einsatz von synthetischen Pestiziden und Düngern, Hormonen, Antibiotika
oder hochentwickelten genetischen Verfahren angebaut oder hergestellt werden. Ein
Baby hat noch kein vollständig entwickeltes Immunsystem und ist für eine
Infektion mit Krankheits-erregern anfälliger als Erwachsene. Trotzdem befindet
sich auf der gesamten Website von Seeds of Change, oder bei Fork to Fork, kein
einziger Hinweis auf die Risiken selbst angebauter biologischer Produkte, die
mehr Giftstoffe und Bakterien enthalten können als normale Lebensmittel. Die
kleinen Schädlinge werden schliesslich nicht durch synthetische Pestizide
vernichtet, denn Anhänger des biologischen Anbaus verwenden diese nicht;
Kompost und Dung dagegen, die Nährstoffquellen des biologischen Anbaus, sind Nährböden
für Bakterien und Pilze.
Nach Aussage von Dennis Avery vom Hudson Institute in Niagara ist das Risiko,
die potentiell tödlichen E. coli durch den Verzehr von biologischen
Nahrungsmitteln aufzunehmen, grösser als bei herkömmlichen Nahrungsmitteln.
Und laut Anthony Trewavas, Professor für Zellbiologie der University of Edinburgh,
können durch den Verzehr biologischer Nahrungsmittel mit grösserer
Wahrscheinlichkeit eine ganze Reihe bakterieller Infektionen, einschliesslich
Salmonellen, erworben werden. Darüber hinaus gibt es nach Aussage von
Professor Bruce Ames von der University of California in Berkeley, einem der weltweit
führenden Biochemiker, keinen Nachweis dafür, dass der Verzehr biologischer
Produkte für die Gesundheit Vorteile bringt. Die Wahrscheinlichkeit, durch
einen mit Insektiziden behandelten Apfel Krebs zu bekommen, ist nicht grösser als
beim Verzehr eines unbehandelten Apfels, denn der Anteil der natürlichen Pestizide,
die der Apfel selbst produziert, stellt die vom Menschen angewandte Menge weit in den Schatten. Und wenn Sie weniger biologisch angebaute Äpfel
essen, weil diese teurer sind, fahren Sie damit genau genommen schlechter,
denn Obst enthält chemische Substanzen, die vor Krebs schützen. Trotzdem erheben
weder der Guardian noch der ebenso angesagte Channel Four auch nur einen
dieser Einwände. Beide lassen sich gern von einem kommerziellen Unternehmen dazu
einspannen, die Briten zum Kauf der biologischen Produkte des Unternehmens zu
verführen und auf diese Weise dessen Marktposition auszubauen.
Doppelmoral
Es ist nichts dagegen einzuwenden, wenn ein Unternehmen bestrebt ist, seine
Marktposition auszubauen. Nur werden die Direktoren von Monsanto und anderen
amerikanischen Unternehmen der Agrochemie von Alpträumen geplagt werden - wenn
sie im Augenblick überhaupt in den Schlaf finden. Während ihre neu
entwickelten Technologien von allen nur denkbaren Interessensgruppen und den meisten
Zeitungen attackiert werden, sind sie gezwungen, buchstäblich dazusitzen und
anzusehen, wie weitaus gefährlichere Konkurrenzprodukte durch das Fernsehen
gefördert werden. Wenn in einem anerkannten Fernsehsender und einer liberalen
Zeitung derart offensichtlich unterschiedliche Massstäbe angelegt werden, ist
es nicht verwunderlich, dass die Öffentlichkeit in Scharen zu den biologisch
angebauten Lebensmitteln überwechselt. Eltern mit geringem Einkommen sind aber
um die Gesundheit ihrer Familie ebenso besorgt wie diejenigen aus den
mittleren Schichten. Wird die biologische Ernährung jedoch zum Standard der
Mittelschicht, sehen sich die Angehörigen einkommens-schwacher Schichten
möglicherweise genötigt, hier mitzuhalten, weil sie befürchten, anderenfalls
die Gesundheit ihrer Kinder aufs Spiel zu setzen.
Die Eigentümer von Seeds of Change werden sich auf dem gesamten Weg zu ihrer,
zweifelsohne ökologischen, Bank, das Lachen nicht verkneifen können.
Vielleicht ist es in dieser politisch korrekten Welt nicht einmal bemerkens-wert, wenn
Verbraucher dazu gebracht werden, für Nahrungsmittel mehr zu bezahlen, die für
sie gefährlicher sind. Biologische Nahrungsmittel sind jedoch wirklich weniger
sicher - ganz gleich, was sie kosten.
Mr. Bate ist Mitglied des Institute of Economic Affairs in London und Mitherausgeber von: Fearing Food: Risk, Health and Environment, Oxford: Butterworth Heinemann. (Anm. d. Übers.: Angst vor Nahrungsmitteln: Risiken, Gesundheit und Umwelt)
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Letzte Änderung: 2004-09-17 09:35:59