Science Talk «Genetik und Fortpflanzungsmedizin - heutige Praxis und aktuelle Entwicklungen»

Montag, 12. März 2007, 19.00 bis ca. 21.00 Uhr
Hotel Bellevue, Kochergasse 3-5, 3001 Bern

 


  1. Embryonale Stammzellforschung in der Schweiz: erste Erfahrungen und Ausblick
    Dr. Marisa Jaconi, Département de pathologie et immunologie, Université de Genève
  2. Entwicklungen in der Fortpflanzungsmedizin: Kann die Schweiz mithalten?
    Dr. med. Peter Fehr, Facharzt FMH Gynäkologie, speziell Reproduktionsmedizin, Schaffhausen
  3. Heilungschance für schwerkranke Geschwister: das erste Schweizer "Retter-Baby"
    Prof. Dr. med. Reinhard Seger, Abteilung für Immunologie/Hämatologie/KMT, Kinderspital Zürich
  4. Erläuterungen zu ethischen Aspekten
    Prof. Dr. Alberto Bondolfi, Centre Lémanique d'Éthique, Université de Lausanne

1. Embryonale Stammzellforschung in der Schweiz: erste Erfahrungen und Ausblick

Folienset (pdf, 4.0MB)

Dr. Marisa Jaconi
Laboratoire de cellules souches embryonnaires
Département de Pathologie et Immunologie
Centre Médical Universitaire
1 rue Michel Servet
CH-1211 Genève 4
Tel.: ++41 (0)22 379 52 57
Fax: ++41 (0)22 379 54 79
marisa [dot] jaconiatmedecine [dot] unige [dot] chi

Stand der Forschung an humanen embryonalen Stammzellen in der Schweiz
Unsere wissenschaftliche Reise in die Welt der humanen embryonalen Stammzellen (hES) begann im Frühling 2002 mit der Einführung der weltweit ersten hES-Zelllinie, die von der Gruppe um Thomson 1998 isoliert worden war.1 Seither arbeiten wir daran, die Mechanismen aufzuklären, welche hES dazu bringen, sich zu spezialisieren, insbesondere zu Kardiomyozyten.2,3 Wir haben kürzlich publiziert, wie die hES in neue Herzzellen in vitro reifen, und einem erwachsenen Phänotyp gleichen.4 Ein tieferes Verständnis dieser Mechanismen der Differenzierung ist für die Ausarbeitung einer Zelltherapie, die auf der Regeneration des Herzens durch Zuführung neuer Herzzellen beruht, unerlässlich.5,6

Mit dem Inkrafttreten der Verordnung über die Forschung an embryonalen Stammzellen im Jahr 2005 konnten weitere Projekte lanciert werden, die alle auf importierten hES beruhen. Von den zurzeit insgesamt fünf Projekten werden drei in Genf,7 eines in Basel und eines in Bellinzona durchgeführt.8 Weitere Projekte werden gegenwärtig vorbereitet. In Genf wurden mit vereinfachten Protokollen zur Erzeugung von Nervenzellen im Rahmen einer potenziellen klinischen Anwendung bemerkenswerte Fortschritte erzielt. Diese Fortschritte werden die Durchführung klinischer Studien der Phase I (erste klinische Studien am Menschen) in drei bis fünf Jahren ermöglichen. In den Studien soll die Injektion von aus hES stammenden Nervenzellen in verletztes Knochenmarkgewebe bei Paraplegikern einerseits und ins Gehirn von Parkinson-Patienten andererseits untersucht werden.

Isolierung von hES in der Schweiz
2005 lancierten wir im Hinblick auf die gesetzlich festgelegte Frist zur Vernichtung überzähliger Embryonen, die vor 2001 eingefroren wurden, in kurzer Zeit ein Pionier-Projekt zur Gewinnung von hES. Das Bundesamt für Gesundheit gab uns seine Einwilligung zur Verwendung von 100 überzähligen Embryonen in einem vom Schweizerischen Nationalfonds unterstützten Projekt. Mit diesem vorbereitenden Projekt soll ein Verfahren zur Gewinnung von hES-Zelllinien unter den Bedingungen einer klinischen Anwendung entwickelt werden.

Mit finanzieller Unterstützung durch die Abteilung IV des Schweizerischen Nationalfonds9 haben wir daraufhin 2006 in nationaler Zusammenarbeit mit dem Universitätsspital Basel ein ergänzendes interdisziplinäres Projekt umgesetzt. Unter dem Namen JESP (Joint Embryonic Stem cell Projet: dealing with the issue of surplus human embryo in Switzerland10) brachten wir Fachpersonen aus den Bereichen Bioethik, Recht und Life Science zusammen, um die Situation überzähliger Embryonen, die in der Schweiz vor 2001 angefallen sind, zu klären und verschiedene ethische, biologische und rechtliche Fragen zu beantworten. Zu den behandelten Aspekten gehörten:

  1. Die informierte Zustimmung, der Forschung frische Embryonen zu überlassen, die aus verschiedenen Gründen nicht implantiert werden können (>700 gemäss schweizerischen Statistiken von 200311).
  2. Die Spende andernfalls abgetöteter Zygoten (einzelliger Embryo) an die Forschung.
  3. Die Möglichkeit, andernfalls vernichtete Trophoblastenzellen zur Isolierung von hES zu verwenden.
  4. Die Spende von Embryonen, die bei der Präimplantationsdiagnostik ausgeschieden werden, an die Forschung (Gesetz in Vorbereitung).

Potenzial und Herausforderungen
Die Verfügbarkeit klinisch passender hES-Zelllinien ist ein wesentlicher Schritt auf dem Weg zu einer Verwendung von hES in der regenerativen Medizin und der Zelltherapie. Parallel dazu findet eine bemerkenswerte Entwicklung bei der Verwendung von hES in der Pharmakotoxikologie statt. Diese neue Anwendung von hES birgt ein grosses Potenzial für die pharmazeutische Industrie und wird einerseits die Einschränkung von Tierversuchen und andererseits eine bessere Abschätzung der Verträglichkeit von Behandlungen beim Menschen ermöglichen. Diese Entwicklung ist für die pharmazeutische Industrie in der Schweiz von entscheidender Bedeutung.

Angesichts der beträchtlichen Investitionen, die von verschiedenen Konzernen wie Novartis in seinen amerikanischen Forschungszentren in Boston getätigt wurden, wäre es wünschenswert, dass die Schweizer Gesetzgebung die Interessen der Forschung, der Innovation und der Industrie in diesem Bereich besser berücksichtigt, um die geografische Verlegung einer viel versprechenden Forschung zu vermeiden. Wir werden in naher Zukunft mit drei bedeutenden Herausforderungen konfrontiert:

  1. Es drängt sich eine Neudefinition des Status des Embryos auf, bei der künstliche Begriffe wie «Prä-Embryo» oder «imprägnierte Eizelle», wie sie auch im Schweizer Gesetz verwendet werden, zu vermeiden sind. Gemäss den aktuellen gesetzlichen Bestimmungen kann ein «Prä-Embryo» nicht zu Forschungszwecken gespendet werden, selbst wenn er im Rahmen der künstlichen Befruchtung keine Verwendung mehr findet. Wir verlangen, dass die Zygote, d. h. der Embryo in den ersten 24 Stunden seines Lebens, denselben Status erhält wie ein zwei bis sieben Tage alter Embryo.
  2. Ein Gesetz zur Präimplantationsdiagnostik (PID), wie es in zahlreichen Ländern Europas bereits erfolgreich in Kraft ist, befindet sich in der Schweiz gegenwärtig in Vorbereitung. Mit diesem Gesetz soll vermieden werden, dass ein Embryo mit einem genetischen Defekt implantiert wird und in der Folge ein später Schwangerschaftsabbruch stattfindet oder Missbildungen und schwere Krankheiten auftreten. Es ist insbesondere zu unterstreichen, dass durch die PID nicht nur eine klassische genetische Diagnostik, sondern auch die Gewinnung von hES mit genetischen Anomalien ermöglicht wird, wodurch die Diagnostik und das Verständnis der entsprechenden Krankheiten verbessert werden könnten. Die Einführung der PID wird deshalb über die Erzeugung von hES zu einer besseren Diagnostik und zur Entwicklung von Behandlungsstrategien führen.
  3. In der Schweiz fehlt eine spezifische Förderung dieser Art der Forschung durch öffentliche Gelder, während in beinahe sämtlichen Ländern der Welt zugunsten der hES-Forschung spezifische Finanzierungen gewährt und nationale Programme organisiert wurden, die für eine anhaltende Sicherung der Forschung in diesem viel versprechenden Gebiet unerlässlich sind.

Literatur:

  1. Thomson, J.A., Itskovitz-Eldor, J., Shapiro, S.S., Waknitz, M.A., Swiergiel, J.J., Marshall, V.S., and Jones, J.M. 1998. Embryonic stem cell lines derived from human blastocysts. Science 282:1145-47.
  2. Bettiol, E., Clement, S., Krause, K.H., and Jaconi, M.E. 2006. Embryonic and adult stem cell-derived cardiomyocytes: lessons from in vitro models. Rev Physiol Biochem Pharmacol 157:1-30.
  3. Bettiol, E., Sartiani, L., Mugelli, A., Cerbai, E., and Jaconi, M. 2007. Fetal Bovine Serum enables cardiac differentiation of human embryonic stem cells. Differentiation, In press.
  4. Sartiani, L., Bettiol, E., Stillitano, F., Mugelli, A., Cerbai, E., and Jaconi, M.E. 2007. Developmental changes in cardiomyocytes differentiated from human embryonic stem cells: a molecular and electrophysiological approach. Stem Cells, 25 january.
  5. He, Q., Li, J., Bettiol, E., and Jaconi, M.E. 2003. Embryonic stem cells: new possible therapy for degenerative diseases that affect elderly people. J Gerontol A Biol Sci Med Sci 58:279-87.
  6. Zammaretti, P., and Jaconi, M. 2004. Cardiac tissue engineering: regeneration of the wounded heart. Curr Opin Biotechnol 15:430-4.
  7. In Genf von M. Jaconi, KH. Krause und A. Feki, Medizinische Fakultät der Universität Genf und Universitätsspital Genf; in Basel von YA Bard, Novartis, und in Bellinzona von J. Luban, IRB.
  8. Suter, D.M., Cartier, L., Bettiol, E., Tirefort, D., Jaconi, M.E., Dubois-Dauphin, M., and Krause, K.H. 2006. Rapid generation of stable transgenic embryonic stem cell lines using modular lentivectors. Stem Cells 24:615-23.
  9. NRP46 «Inplants and transplants».
  10. http://194.158.239.212/webforms/Frameset.aspx
  11. Koeferl Puorger, U.P., Buergin, M., Wunder, D., Crazzolara, S., and Birkhaeuser, M.H. 2006. Surplus embryos in Switzerland in 2003: legislation and availability of human embryos for research. Reprod Biomed Online 13:772-7.

 


2. Entwicklungen in der Fortpflanzungsmedizin: Kann die Schweiz mithalten?

Folienset (pdf, 979KB)

Dr. med. Peter Fehr
Facharzt FMH Gynäkologie
Speziell Reproduktionsmedizin
Rheinweg 7
CH-8200 Schaffhausen
Tel.: ++41 (0)52 625 54 44
Fax: ++41 (0)52 625 54 46
praxisatfehr-ivf [dot] ch

Im Jahre 2002 wurden in allen europäischen Ländern 324'238 Behandlungen bei Kinderwunsch mittels In-vitro-Fertilisation (IvF) oder verwandter Methode durchgeführt. Davon nur 5'395 in der Schweiz (Quelle: Assisted reproductive technology in Europe, 2002. The European IVF-monitoring programme (EIM) in der Zeitschrift Human Reproduction; April 2006). Gemäss gleicher Quelle sind 1.4% der geborenen Kinder in der Schweiz mit einer reproduktionsmedizinischen Behandlung gezeugt worden. Das sind deutlich weniger als in vergleichbaren Ländern: Dänemark 4.2%, Finnland 2.9%, Niederlande 2.9%, Schweden 2.8%. Woran kann das liegen? Sicher sind einerseits in den genannten Ländern Behandlungen teilweise von den Krankenkassen gedeckt. Andererseits lässt das Fortpflanzungsmedizingesetz (FMedG) der Schweiz gewisse Therapien (oder Schritte davon) nicht zu, womit die Erfolgsaussichten der medizinisch unterstützten Fortpflanzung bei uns reduziert sind. Drei Beispiele sollen die aktuelle Situation erklären.

Beispiel 1: Präimplantationsdiagnostik (PID)
Eine 38-jährige Frau wurde drei Mal ohne medizinische Hilfe schwanger. Bei allen Schwangerschaften ist ein Abort innerhalb der ersten zwölf Wochen eingetreten. Die Frau hat also noch kein Kind geboren. Aus medizinischer Sicht wäre es hilfreich zu wissen, ob ein genetisches Problem als Ursache vorliegt. Mittels PID, das heisst genetischer Untersuchung des Embryos vor dem Transfer, könnte diese Fragestellung geklärt werden. Eine Indikation wie sie heute in vielen Ländern alltäglich ist. Die PID, gemäss FMedG bei uns noch nicht zulässig, wird auch in der Schweiz in naher Zukunft anwendbar sein. Die im Beispiel aufgezeigte Indikation dürfte aber dann nicht ausreichen, um eine genetische Untersuchung des Embryos durchzuführen, da diese Methode auf schwere Erbleiden beschränkt bleiben wird.

Beurteilung: Die PID ist eine der grossen Errungenschaften der Reproduktionsmedizin des 21. Jahrhunderts. Unnötige und wiederholte Behandlungen können in bestimmten Fällen vermieden werden. Aus fachärztlicher Sicht ist es absehbar, dass viele Paare dazu ins Ausland gehen werden.

Beispiel 2: Eizellspende
Eine 40-jährige Frau ist seit zwei Jahren in einer Partnerschaft und hegt den Wunsch nach einer Familie. Vorher waren Studium und Berufskarriere wichtig. Leider sind bei ihr die Reserven der Eierstöcke bereits erschöpft. Eine Behandlung mit eigenen Eizellen ist somit nicht mehr möglich, da solche nicht mehr vorhanden sind. Einzige Option ist eine Therapie mit gespendeten Eizellen, welche von einer jüngeren Frau stammen. Die Frau wird rasch Aufnahme in einem Eizellspendeprogramm im Ausland finden.

Beurteilung: Neben Spanien und England werden auch in Osteuropa pro Woche mehrere Frauen aus der Schweiz behandelt. Konkrete Zahlen liegen nicht vor, es dürften aber bestimmt deutlich mehr als 200 geborene Kinder pro Jahr sein. Im Gegesatz zur Samenspende (etwa 1'500 Behandlungen pro Jahr) ist die Eizellspende gemäss FMedG nicht zugelassen. Der verspätete Kinderwunsch wegen beruflicher und sozialer Umstände ist eine Tatsache mit deutlicher Zunahme. Aus Perspektive der Gleichberechtigung ist ein Verbot der Eizellspende - im Vergleich zur Samenspende - für die Betroffenen häufig nicht nachvollziehbar.

Beispiel 3: Einfrieren von Embryonen
Eine 33-jährige Frau macht eine IVF-Behandlung. Von zwölf Eizellen haben sich zehn regulär befruchten lassen. Ein Tag nach der Befruchtung spricht man von einer Zygote (oder befruchteten Eizelle, oder imprägnierten Eizelle). Es besteht die Absicht, zwei Embryonen zu transferieren. Dazu werden gemäss FMedG zwei Zygoten zu Embryonen weiterentwickelt und am folgenden Tag transferiert. Die restlichen acht Zygoten werden eingefroren (kryokonserviert). Leider ist es eine biologische Tatsache, dass sich nur jeder fünfte Embryo beim Menschen auch weiterentwickelt und eine Schwangerschaft erzeugt. Es wäre somit ein grosser Vorteil, alle zehn Zygoten zu Embryonen zu entwickeln und daraus die zwei besten zu übertragen. Falls noch weitere vorhanden sein sollten, würden diese krykonserviert.

Beurteilung: In der Schweiz kann keine Selektion des besten Embryos erfolgen, da das FMedG nicht zulässt, mehr als drei Embryonen zu erzeugen. Dadurch ist die Behandlung bei uns weniger effizient, da für eine Schwangerschaft mehr Versuche angewendet werden müssen. Der in vielen Ländern zur Vermeidung von Mehrlingsschwangerschaften propagierte "elektive Single-Embryotransfer" ist mit unserer Gesetzgebung nicht möglich. Um eine einigermassen akzeptable Erfolgsrate zu gewährleisten, sind wir oft gezwungen, mehrer Zygoten (maximal drei) zu Embryonen zu entwickeln und gemäss FMedG auch alle zu transferieren.

Alle aufgeführten Beispiele sind reale Situationen, mit denen jeder Fortpflanzungsmediziner in der Schweiz fast täglich konfrontiert wird. Bedingt durch den zunehmenden Informationsgrad der betroffenen kinderlosen Paare und gezielter Werbung von ausländischen Instituten bei uns via Internet, Directmailing sowie Praxisbesuchen bei Gynäkologen, ist eine Abwanderung von Patienten deutlich sichtbar. Das FMedG, welches in den 90er Jahren erarbeitet wurde, kann die Fortschritte der Reproduktionsmedizin nicht mehr zufriedenstellend regeln. Leitplanken, wie im FMedG enthalten, werden allseits akzeptiert. Restriktionen jedoch, welche die Effizienz der Therapie einschränken, führen zur Verlagerung der Behandlung ins Ausland. Da keine einheitliche EU-Gesetzgebung besteht und wohl auch nicht realisiert werden wird, haben die betroffenen Paare die Möglichkeit, sich im europäischen Umfeld die für ihre Zwecke und finanziellen Möglichkeiten geeignete Institution auszusuchen.

 


3. Heilungschance für schwerkranke Geschwister: das erste Schweizer "Retter-Baby"

Folienset (pdf, 517KB)

Prof. Dr. med. Reinhard Seger
Abteilung für Immunologie/Hämatologie/KMT
Kinderspital Zürich
Steinwiesstrasse 75
CH-8032 Zürich
Tel.: ++41 (0)44 266 73 15/11
Fax: ++41 (0)44 266 71 71
reinhard [dot] segeratkispi [dot] unizh [dot] ch

Über 100 schwere Erbkrankheiten des Knochenmarks (wie angeborene Störungen der Blutbildung und angeborene Immunschwächen) können nur durch die Übertragung von Knochenmark geheilt werden. Die Chance, einen geeigneten Spender zu finden, ist bei seltenen Gewebetypen klein, falls es nicht - mit einer Wahrscheinlichkeit von 25% - in der Familie ein kompatibles Geschwisterkind gibt. Die Schweizer Akademie der Medizinischen Wissenschaften befürwortet die Spende regenerierbarer Gewebe wie Knochenmark von minderjährigen Geschwistern, um an Erbkrankheiten (oder an Krebs) leidenden Kindern zu helfen. Retterkinder wie Elodie sind also in der Schweiz nichts Neues.

Etwas jedoch ist bei Elodie anders. Sie wurde nach In-vitro-Befruchtung als wenige Tage alter Embryo mit Hilfe der Präimplantationsdiagnostik (PID) gezielt ausgewählt, da sie erstens nicht von der Erbkrankheit betroffen war und zweitens zum Gewebe ihres kranken Bruders Noah passte. Im Alter von einem Jahr spendete sie für ihren Bruder passendes Knochenmark. Inzwischen ist Noah von seiner schweren Erbkrankheit geheilt und geht seit Januar 2007 in die Schule. Alle zur Knochenmarktransplantation notwendigen Medikamente konnten abgesetzt werden.

Das Parlament will die zurzeit noch verbotene Präimplantationsdiagnostik schwerer Erbkrankheiten in der Schweiz künftig zulassen. Elodie hätte dann als gesunder Embryo ausgesucht werden dürfen. Die Frage, ob Elodie gleichzeitig aufgrund der günstigen Gewebeeigenschaften hätte ausgewählt oder erst nach Geburt auf ihren Gewebetyp hätte getestet werden dürfen, bleibt umstritten.
Durch PID ausgewählte Retterbabys und bereits geborene Retter-Kinder erlauben lebensbedrohlich erkrankte Geschwister zu heilen. Dabei sind jedoch folgende Bedingungen zu erfüllen:

  1. Die Eltern wünschen sich in erster Linie ein weiteres, gesundes Kind. Eine PID ist notwendig, um einen belastenden Schwangerschaftsabbruch nach ungünstiger pränataler Diagnostik einer erneuten Erbkrankheit zu vermeiden.
  2. Von dem geborenen gesunden Geschwisterkind darf nur regenerierbares Gewebe wie Knochenmark transplantiert werden und seine Gesundheit und Entwicklung dürfen dadurch in keiner Weise gefährdet sein.
  3. Für das erbkranke Geschwisterkind darf es keine therapeutische Alternative geben.

Diese Beschränkung ist mit strenger Gesetzgebung möglich und kann durch ein Expertengremium aus Medizinern, Psychologen und Ethikern mittels eines Fall-zu-Fall-Bewilligungsverfahrens gewährleistet werden, wie das Beispiel einiger europäischer Länder (Belgien, Frankreich, Grossbritannien) zeigt. In der Schweiz wäre pro Jahr mit höchstens zwei bis drei derartigen Härtesituationen zu rechnen.

Literatur:
K. Devolder. Preimplantation HLA typing: having children to save our loved ones. J. Med. Ethics 2005; 31: 582.

 


4. Erläuterungen zu ethischen Aspekten

Folienset (pdf, 16KB)

Prof. Dr. Alberto Bondolfi
Centre Lémanique d'Éthique
Université de Lausanne
Bâtiment Provence
CH-1015 Lausanne
Tel.: ++41 (0)21 692 38 63
Fax: ++41 (0)21 692 38 65
aberto [dot] bondolfiatunil [dot] ch

Wenn man von Fortpflanzungstechniken oder von Genetik redet, dann ist das Wort "Ethik" in jedem Munde. Dies impliziert aber noch nicht, dass alle klar wüssten, warum hier Ethik am Werk sein soll und noch weniger, um "welche Ethik" es sich handelt.

Der/die Fachethiker/in steht hier vor einer doppelten Schwierigkeit: Die Verknüpfungen von Genetik und Fortpflanzungsmedizin sind so komplex und vielschichtig, dass sich die ethischen Probleme nicht leicht lokalisieren lassen. Sie melden sich an unerwarteten Orten und in unerwarteten Gestalten. Diese Komplexität führt oft zu Missverständnissen oder zu Missdeutungen und Verwechslungen.

In der schweizerischen politischen Diskussion war die unkorrekte Gleichsetzung zwischen Fortpflanzungs- und Gentechnologie bekannt. Allerdings muss man zugeben, dass es zwischen beiden Bereichen Berührungen gibt. Genetik und Fortpflanzungsmedizin haben in verschiedener Hinsicht miteinander zu tun. Es gibt Paare, die ärztliche Hilfe beanspruchen, weil sie unfruchtbar oder genetisch gefährdet sind, oder weil beide Probleme gleichzeitig auftauchen. Die mögliche Gleichzeitigkeit beider Perspektiven wird auch vom Art. 5, Abs. 1 des Fortpflanzungsmedizingesetzes bestätigt:

1 Ein Fortpflanzungsverfahren darf nur angewendet werden, wenn:
  1. damit die Unfruchtbarkeit eines Paares überwunden werden soll und die anderen Behandlungsmethoden versagt haben oder aussichtslos sind; oder
  2. die Gefahr, dass eine schwere, unheilbare Krankheit auf die Nachkommen übertragen wird, anders nicht abgewendet werden kann.

Wie man beobachten kann, verfolgt das genannte Gesetz zwei Zielsetzungen, welche gleichzeitig relevant sein können, aber nicht unbedingt müssen. Wenn man aber analysiert, wie die zweite Zielsetzung erreicht werden kann, entdeckt man nur unbedingte Verbote. So beim gleichen Art. 5, Abs. 3 des Fortpflanzungsmedizingesetzes. Dort heisst es:

3 Das Ablösen einer oder mehrerer Zellen von einem Embryo in vitro und deren Untersuchung sind verboten.

Die Interpretation der Hintergründe dieses absoluten Verbotes ist nicht allein durch den Text der Vorlage, sondern nur durch die geschichtliche Rekonstruktion der Diskussion möglich. In den Kommentaren der Bundesverwaltung als auch in der parlamentarischen Diskussion entdeckt man folgende Argumente gegen die Zulassung einer Präimplantationsdiagnostik:

  • Es bestehe eine Gefahr des Automatismus sowohl beim Zugang zur PID als auch bei der Selektion der Embryonen.
  • Es sei nicht möglich, zwischen Prävention von genetischen Krankheiten und Selektion zu unterscheiden.
  • Das gesellschaftliche Bild der Menschen mit genetischen Krankheiten oder Behinderungen verschlechtere sich durch diese Praxis.

Was ist aus diesen Beobachtungen zu schliessen? Sicherlich ist die Frage nach der Zulassung der PID mit verschiedenen ethischen Problemen verbunden. Alle vorgebrachten Argumente sind bedenklich, verdienen also eine argumentierende Auseinandersetzung. Sie reichen aber nicht aus, um absolute Verbote aufrechtzuerhalten. Es gilt auch hier der Grundsatz, der oft vergessen wird, "Abusus non tollit usum": Der Missbrauch hebt den richtigen Gebrauch nicht auf.

Es ist notwendig, die Praktiken der Reproduktionsmedizin als auch diejenige der Genetik in einem umfassenden Kontext zu betrachten, so dass eine revidierte Gesetzgebung entstehen kann, welche argumentativ schlüssiger und kohärenter wäre, als diejenige, die wir heute in der Schweiz haben. Wie eine umfassende Revision der ganzen Materie geschehen soll, vor allem wenn man bedenkt, dass ganz Europa vor ähnlichen Schwierigkeiten steht, ist nicht Gegenstand der Aufgaben des Ethikers. Ethik muss aber diese Revisionsarbeit argumentativ begleiten. In diesem Lande haben wir dafür eine nationale Ethikkommission. Letztere hat bereits die parlamentarische Diskussion über die Aufhebung des PID-Verbotes mit ausführlichen Stellungnahmen begleitet.

Es gilt auch hier - beim komplexen Zusammenhang zwischen genetischer Prävention und Reproduktionsmedizin - was Schopenhauer zu Recht behauptete: "Moral zu predigen ist leicht, Ethik zu begründen hingegen ist sehr schwer."