Grüne Gentechnik


Manifest für eine Zukunft der Pflanzenforschung in der Schweiz


  1. Stellungnahme der Stiftung GEN SUISSE zur Änderung des Gentechnikgesetzes zur Verlängerung des GVO- Moratoriums in der Landwirtschaft (Moratoriumsverlängerung), Februar 2009
  2. Stellungnahme der Stiftung GEN SUISSE zur Änderung der Verordnung über den Umgang mit Organismen in der Umwelt (Freisetzungsverordnung FrSV), März 2006
  3. Stellungnahme zur Koexistenzverordnung, Dezember 2005
  4. Medienmitteilung: Wahlfreiheit und Forschungsförderung statt Denkstopp und Anwendungsstillstand, 04. Oktober 2005
  5. Änderung der Lebensmittelverordnung aufgrund des Gentechnikgesetzes - Stellungnahme der Stiftung GEN SUISSE, 20. August 2004
  6. GEN-DIALOG «Grüne Gentechnik und Ökologie», September 2003
  7. Referatzusammenfassungen der Parlamentarier-Aussprache zur Gen-Lex, 18. September 2002

Medienkonferenz «Grüne Gentechnik in der Schweiz - Fortschritt oder Stillstand?»


  1. Medienmitteilung
  2. Programm
  3. Mediendokumentation

Medienmitteilung

Bern, 4. Oktober 2005

Wahlfreiheit und Forschungsförderung statt Denkstopp und Anwendungsstillstand

Die Stiftung Gen Suisse stellt sich klar gegen die Moratoriumsinitiative und damit deutlich hinter die Grüne Gentechnologie in der Schweiz. Die Fortschritte der molekularen Erforschung von Pflanzen, die positiven Erfahrungen des weltweiten Anbaus transgener Pflanzen auf Millionen von Hektaren und die jahrelange Anwendung durch eine Vielzahl von Bauern zeigen, dass sich die Pflanzenbiotechnologie in Forschung und Landwirtschaft längst etabliert hat. In der Schweiz sind aufgrund der undifferenzierten Proteste von gentechnikkritischen Kreisen schon kleine, sichere Freisetzungen zu Forschungszwecken sehr schwierig durchzuführen. Ein Moratorium wäre nicht nur das falsche Signal, sondern würde Forschung und Lehre massiv schwächen. Was die Schweiz als kleines Land braucht, ist eine hoch stehende Forschung, die ihre Erkenntnisse auch in nützliche Anwendungen umsetzen kann.

Die Schweizer Forschung im Bereich der Pflanzenbiotechnologie spielt international auf oberstem Niveau mit. Diese Position und damit die Exzellenz in Forschung und Lehre stehen seit Jahren unter finanziellem und öffentlichem Druck. Ein Moratorium hätte eine verheerend negative Signalwirkung auf die Forschung mit transgenen Pflanzen, auf die Professoren und auf die Studenten. Professor Ernst Hafen, designierter Präsident der ETH Zürich warnt: "Wenn wir heute unseren wissenschaft­lichen Nachwuchs schwächen, leidet morgen die Qualität der Forschung." Stattdessen appelliert Hafen an die Bevölkerung, den strengen gesetzlichen Leitplanken zu vertrauen, statt unser Know-how und unsere herausragenden Leistungen durch unnötige Verbote aufs Spiel zu setzen.

Professor Klaus Ammann, Direktor des Botanischen Gartens der Universität Bern, räumt ein, dass die bisher zugelassenen transgenen Pflanzen für die Schweizer Bauern keine wirklich nützliche Option seien. Gleichzeitig aber entwickelt sich die Forschung auf diesem Gebiet national und international rasant - insbesondere auch im öffentlichen Sektor. Eine Vielzahl von Projekten der molekular­biologischen Pflanzenzucht zur Entwicklung von Trockenheitsresistenz, Salztoleranz oder eines erhöhten Vitamingehalts belegen das immense Potenzial dieser Technologie. "Ich bin überzeugt, dass wir in absehbarer Zeit Produkte haben werden, die auch den Schweizer Landwirt interessieren, wie z.B. Kraut- und Knollenfäule-resistente Kartoffeln", schätzt Ammann. Der Ökologe plädiert dafür, dass die unwissenschaftliche Polemik endlich Platz machen soll für eine ehrlichere Diskussion auf der Basis von Fakten und Argumenten.

"Wir haben seit Anfang 2004 ein strenges Gentechnikgesetz, das einen vorsichtigen Umgang mit gentechnisch veränderten Pflanzen verlangt und das Nebeneinander von Gentechnik und klassischer Landwirtschaft ermöglicht. Damit ist die Sicherheit von Mensch, Tier und Umwelt gewährleistet sowie Wahlfreiheit von Produzenten und Konsumenten gesichert", hält CVP-Nationalrat Josef Leu fest. Ein Moratorium, so der gelernte Ingenieur und praktizierende Landwirt, sei nicht nur unehrlich und über­flüssig, sondern schade dem Forschungsplatz Schweiz. Absicht der Initianten sei nicht eine fünfjährige Pause zum Denken und Forschen, sondern der gezielte Anfang vom definitiven Ende der Grünen Gentechnologie in der Schweiz. Leu betont: "Wir brauchen keine ideologischen Scheuklappen und fundamentalen Verbote im Umgang mit der Gentechnik. Was wir brauchen ist eine starke Forschung in einem verantwortungsvollen Rahmen."

Für weitere Informationen:

Stiftung Gen Suisse
Postfach
CH-3000 Bern 14
Tel.: +41 (0)31 356 73 84
Fax: +41 (0)31 356 73 01


Programm

Dienstag, 4. Oktober 2005, 10.30 bis 12.00 Uhr
Kornhausforum, «Mediensaal», Kornhausplatz 18, 3011 Bern

10.30 UhrBegrüssung
Prof. Dr. Peter Gehr, geschäftsführender Direktor Institut für Anatomie, Universität Bern; Präsident Gen Suisse
 
10.35 UhrSchweizer Pflanzenbiotechnologie: Forschungsförderung statt Negativsignale
Prof. Dr. Ernst Hafen, Direktor Zoologisches Institut, Universität Zürich-Irchel;
Präsident ETH Zürich ab 1. Dezember 2005; Stiftungsrat Gen Suisse
 
10.50 UhrTransgene Pflanzen vom Labor auf den Acker: Koexistenz statt Braindrain
Prof. Dr. Klaus Ammann, Direktor Botanischer Garten, Universität Bern;
Stiftungsrat Gen Suisse
 
11.05 UhrZukunft der Schweizer Landwirtschaft: Wahlfreiheit statt Denkpausen
Nationalrat Josef Leu, Landwirt, Hohenrain; Stiftungsrat Gen Suisse
 
11.20 UhrDiskussion
Moderation: Prof. Dr. Peter Gehr
 
ab 12.00 Uhr Stehlunch


Mediendokumentation

  1. Schweizer Pflanzenbiotechnologie: Forschungsförderung statt Negativsignale
    Prof. Dr. Ernst Hafen, Direktor Zoologisches Institut, Universität Zürich-Irchel;
    Präsident ETH Zürich ab 1. Dezember 2005; Stiftungsrat Gen Suisse
  2. Transgene Pflanzen vom Labor auf den Acker: Koexistenz statt Braindrain
    Prof. Dr. Klaus Ammann, Direktor Botanischer Garten, Universität Bern;
    Stiftungsrat Gen Suisse
  3. Zukunft der Schweizer Landwirtschaft: Wahlfreiheit statt Denkpausen
    Nationalrat Josef Leu, CVP, Landwirt und Ingenieur HTL, Hohenrain;
    Stiftungsrat Gen Suisse
  4. Koordinaten der Referenten


1. Schweizer Pflanzenbiotechnologie: Forschungsförderung statt Negativs
Prof. Dr. Ernst Hafen, Direktor Zoologisches Institut, Universität Zürich-Irchel;
Präsident ETH Zürich ab 1. Dezember 2005; Stiftungsrat Gen Suisse

Die Schweizer Forschung nimmt im Bereich der Pflanzenbiotechnologie gemäss aktuellen Analysen der Häufigkeit von Zitierungen wissenschaftlicher Publikationen (Science Citation Index) weltweit eine Spitzenposition ein. Prominentestes Beispiel dieser wissenschaftlichen Exzellenz ist der an der ETH Zürich vom ehemaligen Professor Ingo Potrykus entwickelte «Golden Rice». Allerdings widerspiegeln solche Zitationsstudien die Vergangenheit, denn die Resultate beruhen auf Forschungsaktivitäten, die vor 5-10 Jahren geleistet worden sind.

Qualität der Forschung: ein wichtiges, aber empfindliches Gut
Nebst den Wissenschaftlern, die Forschungsprojekte leiten, spielen die Finanzierung und die Qualität von Mitarbeitern und Studierenden in einem Gebiet eine wichtige Rolle. Die finanziellen Mittel für die freie Forschung durch den Schweizerischen Nationalfonds sind seit Jahren rückläufig. Die restriktive Handhabung von Freisetzungsversuchen und die mangelnde Akzeptanz dieser Forschung in der Bevölkerung hat in den letzten Jahren zu einem Rückgang der Studierenden geführt, die sich für den Lehrgang Pflanzenbiotechnologie interessieren. Es ist deshalb schwierig, den nach wie vor sehr guten Ruf der Schweizer Forschung in der Pflanzenbiotechnologie zu halten.

Ein Moratorium für den kommerziellen Anbau von gentechnisch veränderten Pflanzen hätte eine zusätzliche negative Signalwirkung - nicht nur auf potenzielle Studierende im In- und Ausland, sondern auch auf Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die wir für Professuren in der Schweiz gewinnen möchten. Wer will auf einem Gebiet Forschung betreiben, dessen Anwendung im eigenen Land verboten ist? Eine Schwächung des wissenschaftlichen Nachwuchses heute hat langfristige negative Konsequenzen auf die Qualität der Forschung in der Zukunft.

Forschung in einem kleinen Land wie der Schweiz wird von wenigen Individuen geprägt. Die Immu­nologie von Nobelpreisträger Zinkernagel, die Strukturbiologie von den Nobelpreisträgern Ernst und Wüthrich. Ein Beispiel aus neuster Zeit betrifft das neue Gebiet der Systembiologie, in dem die Schweiz dank der Rekrutierung eines Spitzenforschers zur Weltspitze avancieren wird. Einzelne Leute können eine Sogwirkung haben - auch im negativen Sinne, sofern sie nicht kommen.

Stärken der Forschung bewahren, statt schwächen
Von der heutigen Situation lassen sich verschiedene Parallelen zur Abstimmung über die Genschutz-Initiative von 1998 ziehen. Wir Forscher realisierten, dass wir die Kommunikation mit der Bevölkerung vernachlässigt haben. Eine Technologie, die sich erst in den letzten 30 Jahren rasant entwickelte, stösst auf Unverständnis und Angst in der Öffentlichkeit. Ich habe gelernt, dass viele der Ängste im direkten Gespräch abgebaut werden können. Im Gegensatz zu anderen Technologien, zum Beispiel aus der chemischen Industrie, ist die gentechnische Veränderung von Lebewesen keine Erfindung des Menschen. Es ist die Erfindung, die der Entstehung allen Lebens zu Grunde liegt. Ohne, dass sich das Erbmaterial der Arten verändert, gäbe es keine Artenvielfalt. Gentechnik ist eine Verän­derung des Erbguts, wie sie in der Natur seit Milliarden von Jahren vorkommt. Das heisst nicht, dass diese Technologie keine Risiken trägt, aber die Risiken sind heute, nach jahrelanger intensiver Biosicherheitsforschung nicht nur abschätzbar, sondern aus Sicht der Wissenschaft auch vertretbar.

In den USA werden seit Jahren im grossen Stil Freisetzungsversuche gemacht (und letztes Jahr auf fast 50 Millionen Hektaren transgene Pflanzen angebaut). In der Schweiz haben wir eine im Vergleich zu anderen Ländern sehr restriktive Gesetzgebung, die Freisetzungen regelt. Es muss auch in Zukunft möglich sein, Freisetzungsversuche im Rahmen der Bestimmungen des Gentechnikgesetzes durch­zuführen. Nur so können wir an der Weiterentwicklung dieser Technologie teilhaben. Ein Moratorium aber würde - auch wenn es die Forschung nicht direkt tangiert - Freisetzungsversuche noch schwie­riger und damit vollends unattraktiv für die universitäre Forschung machen. Es geht dabei nicht ausschliesslich um bessere und resistentere Nutzpflanzen, sondern vermehrt auch um Pflanzen, die man zur Produktion von Medikamenten benötigt.

Als zukünftiger Präsident der ETH Zürich bin ich stolz auf die herausragenden Leistungen die an der ETH Zürich und an den Schweizer Universitäten auf dem Gebiet der Pflanzenbiotechnologie erbracht wurden und zurzeit erbracht werden. Es ist eines der Gebiete, auf denen wir mit der weltweiten Konkurrenz mithalten können. Setzen wir diese Konkurrenzfähigkeit im Sinne unseres Nachwuchses und zukünftiger Arbeitsplätze nicht aufs Spiel durch unnütze Verbote. Vertrauen wir stattdessen auf die Wirkung der gesetzlichen Leitplanken. Wie im Sport sind Spitzenränge auch in der Wissenschaft schwierig zu halten. Tragen wir ihnen Sorge, so gut wir können.


2. Transgene Pflanzen vom Labor auf den Acker: Koexistenz statt Braindrain
Prof. Dr. Klaus Ammann, Direktor Botanischer Garten, Universität Bern; Stiftungsrat Gen Suisse

Die Grüne Gentechnologie entwickelt sich auf nationaler und internationaler Ebene rasant. Die folgenden Ausführungen zeigen vor allem zwei Dinge auf, die in der Diskussion in der Schweiz häufig vernachlässigt werden: Erstens werden in absehbarer Zukunft Produkte zur Marktreife entwickelt, die auch für unsere Landwirte einen klaren, direkten Vorteil bieten. Und zweitens zeigt eine Übersicht der Forschungsarbeiten des öffentlichen Sektors, dass die molekulare Pflanzenzucht insbesondere für Entwicklungsländer grosse Chancen bietet und bieten wird. Allgemein wird auch immer klarer, dass die Gentechnologie auf dem Acker keine Bedrohung der Biodiversität darstellt. Eine ausführliche Übersicht mit über 300 wissenschaftlichen Referenzen dokumentiert dies (Ammann, 2005a).

Kartoffelfäule-resistente Sorten für die Schweizer Landwirtschaft
Mit rund 12'000 Hektaren Anbaufläche zählt die Kartoffel zu den wichtigsten Kulturpflanzen in der Schweizer Landwirtschaft. Bei normalen Wetterbedingungen ist die Kartoffelfäule unter Kontrolle zu halten, nicht aber in feuchten Sommern. Dann sind die Schäden mit über 20 % der Ernte beträchtlich. Oft hilft nur eine verfrühte Ernte oder das massive Sprühen von eigentlich bedenklichen Pestiziden. Mit anderen Worten: Die Problematik des traditionellen Kartoffel-Anbaus ist auch heute noch schlecht gelöst. Um die Kartoffelfäule zu bekämpfen, sprühen die europäischen Kartoffelerzeuger acht bis vierzehn Mal pro Jahr künstliche chemische Pilzgifte für ? 322 pro Hektar. Trotz dieses Spritzmittel­einsatzes vernichtet der Pilz ungefähr zwei Prozent der europäischen Feldfrüchte, in nassen Sommern aber wesentlich mehr (siehe dazu auch Fact Sheets der amerikanischen Landwirtschafts­behörde USDA: z.B. infoventures.com/e-hlth/pestcide/mancozeb.html).

Selbst im biologischen Kartoffelanbau ist der Einsatz von Fungiziden, d.h. Kupferpräparaten, nach der FiBL-Hilfsstoffliste 2005 mit höchstens 4 Kilogramm Reinkupfer pro Hektare zugelassen (Speiser et al., 2005). Da sich Kupfer im Boden anreichert, wollte die Europäische Union dessen Verwendung im biologischen Kartoffelbau ab 2002 verbieten. Dieser Beschluss musste jedoch wieder zurückgezogen werden. Obwohl Kupfer unter die Schwermetalle fällt, ist seine Ökotoxizität im Vergleich zu jener der typischen Schwermetalle Blei, Cadmium und Quecksilber viel geringer, jedoch bleibt die grosse Sorge um die Anreicherung. Mangels wirksamer Alternativen sind solche Präparate vorläufig noch zulässig und müssen weiterhin angewendet werden.

Verschiedene der im konventionellen und integrierten Kartoffelbau verwendeten Pilzgifte sind problematisch für Fische und Wasserinsekten (Liesivuori & Savolainen, 1994). Deshalb ist es besonders wichtig, dass Kartoffelfelder, in denen diese Stoffe angewendet werden, nicht in der Umgebung von Gewässern liegen, da sonst die Gefahr einer Gewässerverschmutzung besteht. Infolge der hohen Anfälligkeit der Kartoffelpflanze ist ein genereller Verzicht auf Fungizide bei den heutigen Anbauformen, d.h. basierend auf wenigen Sorten und Monokulturen, kaum möglich. Und die traditionelle Zucht hat es bisher nicht zustande gebracht, dauerhaft resistente Sorten hervorzubringen.

Wilde Kartoffeln enthalten zwar Resistenzgene, aber via traditioneller Pflanzenzucht - der Kreuzung verschiedener Sorten - werden jeweils auch Tausende von unwillkommenen Genen eingekreuzt, die eine erfolgreiche Zucht um Jahre zurückwerfen. Die natürlichen Resistenzgene sind erkannt und können dank moderner Pflanzenzucht, d.h. mit bio- und gentechnischen Methoden, elegant in die heute kommerziell erfolgreichen Sorten eingeschleust werden. Dazu sind mehrere Forscherteams weltweit in der Lage, so auch am Max-Planck-Institut in Köln.

Zur gentechnischen Resistenzzucht gegen den Algenpilz Phytophtora infestans verfolgt man mehrere Strategien: Einzel-Gen-Resistenzen sowie eine Multi-Gen-Strategie, d.h. die Kombination mehrerer Resistenzgene. Kanadische Forscher entwickelten z.B. eine Sorte, die ein sehr wirksames natürliches Pilzgift produziert. Die gentechnische Veränderung verleiht den Pflanzen eine sehr hohe Resistenz, die in Versuchen bereits seit zwei Jahren unvermindert wirkt. Weiter fanden US-Forscher ein soge­nanntes RB-Gen aus Wildpflanzen, das eine Breitbandresistenz bewirkt. Allein in den Jahren 2000-2004 wurden insgesamt über 100 wissenschaftliche Publikationen zum Thema veröffentlicht. Die Erkenntnisse werden laufend präziser und konzentrieren sich zusehends auf definierte Gruppen von Resistenzgenen. Der Weg bis zu Kartoffelsorten, die über Jahre weg ihre Widerstandsfähigkeit aufrechterhalten und damit auch den Schweizer Bauern direkte Vorteile bringen werden, ist somit nicht mehr weit.

Gianessi et al. haben in einer Studie von 2003 abgeschätzt, was sich in Europa dank Gentechnik einsparen liesse: Durch die erfolgreiche Einführung einer biotechnologischen, gegen die Kraut- und Knollenfäule resistenten Kartoffelsorte auf 100 % der europäischen Anbauflächen würde sich der Bedarf an Fungiziden um 7,5 Millionen Kilogramm verringern und die Produktion um 858 Millionen Kilogramm erhöhen. Das Nettoeinkommen der Landwirte würde sich um ? 417 Millionen vergrössern (Details siehe ausführliches Manuskript: Ammann, 2005b).

Grüne Gentechnologie: Chance für die Entwicklungsländer
Nicht zuletzt dank ihrer weltweiten Spitzenstellung kann die Schweizer Forschung im Bereich der Pflanzenbiotechnologie wesentliche Beiträge zur Verbesserung der modernen Kulturpflanzen leisten. Dazu gehört auch, dass die Wissenschafter ihre Verantwortung gegenüber den Entwicklungsländern wahrnehmen. Gewisse Entwicklungshilfeorganisationen wie z.B. Swissaid verbreiten zum Thema moderne Zuchtverfahren für Kulturpflanzen bewusst Falschinformationen: Gentechnologie sei für die Landwirtschaft armer Länder sinnlos, sie hätte bisher gar nichts gebracht ausser Hunger, so die Argumente.

Es scheint wenig bekannt zu sein, dass die reellen Erhebungen der letzten Jahre ein völlig anderes Bild zeichnen. In einem Artikel der international renommierten Zeitschrift «Nature Biotechnology» fasst der Autor Folgendes zusammen: In den Entwicklungsländern laufen Hunderte von Projekten, die in einigen Fällen bereits in der Kommerzialisierungsphase sind, bei denen gentechnisch verbesserte Kulturpflanzen in sinnvoller Weise eingesetzt werden (Cohen, 2005). Nota bene: Nicht weniger als 85 % dieser Pflanzensorten stammen aus öffentlichen Institutionen. Nichtsdestotrotz verbreitet eine Mitarbeiterin von Swissaid, Tina Goethe, Texte, die vor lauter missionarischem Eifer gegen die Gentechnologie die Fakten vernebeln. Dort wird das Bild der alles dominierenden Gentech-Multis kultiviert, was punkto Situation in Entwicklungsländern keineswegs den Tatsachen entspricht (Goethe, 2005).

Als Beitrag zu einer neugegründeten NGO (Public Sector Research and Regulation Initiative, PRRI, siehe www.pubresreg.org/) hat der Autor eine Tabelle zusammengestellt, die die Cohen'schen Zahlen bestätigt und überdies mit Zitaten wissenschaftlicher Arbeiten untermauert: www.botanischergarten.ch/PublicSector-MOP2/PRR-side-events-outline-2005-05-25.pdf. Und es wären noch viele Nachträge einzubauen.

Vor Kurzem wurde in Afrika ein neues Projekt zur Verbesserung der Hirse (Sorghum) gestartet, das von Nairobi aus geleitet wird: Africa Harvest Biotech Foundation International (AHBFI, siehe www.ahbfi.org/). Die Bill und Melinda Gates Foundation unterstützt das Projekt mit vielen Millionen Dollar, und beispielsweise das Unternehmen Pioneer stellt ihre Technologien ohne Lizenzgebühren zur Verfügung. Der Autor hat, zusammen mit einem Forschungsinstitut in Nairobi, die Verantwortung für Teile der Biosicherheit und der Kommunikation übernommen.

Literatur

Ammann, K. (2005a)
Effects of biotechnology on biodiversity: herbicide-tolerant and insect-resistant GM crops. Trends in Biotechnology, 23, 8, pp 388-394
www.sciencedirect.com/science/article/B6TCW-4GG2HJM-2/2/b23d0cc8c6846b9f6625162f3351b0ae and www.botanischergarten.ch/TIBTECH/Ammann-TIBTECH-Biodiversity-2005.pdf

Ammann, K. (2005b)
Kartoffelfäule: Resistenz gegen den Algenpilz Phytophtora bei Kartoffeln (Manuskript) pp 9
www.botanischergarten.ch/Pipeline/Kartoffel-Faeule1.pdf

Cohen, J.I. (2005)
Poorer nations turn to publicly developed GM crops. Nature Biotechnology, 23, 1, pp 27-33
www.botanischergarten.ch/PublicSector-Danforth-20050304/Cohen-Naturebiotech-2005.pdf

Gianessi, L.P., Sankuka, S., & Reigner, N. (2003)
Pflanzenbiotechnologie: Potenzielle Wirkung bei der Verbesserung der Schädlingsbekämpfung in der europäischen Landwirtschaft, Eine Zusammenfassung von drei Fallstudien Juni 2003, The National
Center for Food and Agricultural Policy 1616 P Street, NW Suite 100 Washington, DC 20036
Vollständiger Bericht: www.ncfap.org/whatwedo/pdf/2004finalreport.pdf pp 18,
NCFAP Study Washington, DC 20036. www.europabio.org/documents/300603/Study_DE.pdf
and www.ncfap.org/

Goethe, T. (2005)
Saat des Hungers. Konkret, 7, pp 4
www.botanischergarten.ch/Developing/Goethe-Tina-Konkret-Heft-07-2005.doc

Liesivuori, J. & Savolainen, K. (1994)
Dithiocarbamates. Toxicology, 91, 1, pp 37-42, <Go to ISI>://A1994PC35100006

Speiser, B., Weidmann, G., & Rölli, N. (2005)
FiBL Hilfsstoff-Liste, FiBL, Frick, IS: 3-906081-43-5, pp 68,
www.botanischergarten.ch/Pipeline/FIBL-Hilfsstoffe-2005.pdf


3. Zukunft der Schweizer Landwirtschaft: Wahlfreiheit statt Denkpausen
Nationalrat Josef Leu, CVP, Landwirt und Ingenieur HTL, Hohenrain; Stiftungsrat Gen Suisse

Die Moratoriumsinitiative, über die wir am 27. November abstimmen, hat zum Ziel, dass die Schweizer Landwirtschaft während fünf Jahren gentechnikfrei bleiben soll. Realisiert werden soll dies mit einem fünfjährigen kommerziellen Verbot transgener Kulturpflanzen und gentechnisch veränderter Nutztiere. Als Begründung führen die Initianten die mehrheitlich ablehnende Haltung der Konsumentinnen und Konsumenten an. Für mich stellen sich hier primär folgende Fragen: Nützt diese Initiative unserem Land? Ist sie die richtige Antwort auf die Vorbehalte vieler Konsumenten und Bauern?

Nationale Vorbehalte gegenüber einer weltweiten Realität
Hilfreich zur Beantwortung dieser Fragen ist ein Blick über unsere Landesgrenze hinaus: Vor einigen Wochen trafen sich in Thun Experten und Medienschaffende aus aller Welt anlässlich des 49. inter­nationalen Agrarjournalistenkongresses. Auffallend viele Teilnehmer betrachteten die Schweizer Grundsatzdebatte über die Grüne Gentechnologie als müssig. Über acht Millionen Bauern in weltweit 17 Ländern pflanzten im vergangenen Jahr gentechnisch veränderte Mais-, Soja- oder Baumwoll­sorten an - Tendenz steigend. Mit zwei Richtlinien zur Kennzeichnung von GVO-Lebensmittel und zur Freisetzung transgener Pflanzen hat auch die EU letztes Jahr ihr De-facto-Zulassungsmoratorium aufgehoben und damit einem sachlicheren, entkrampfteren Verhältnis zur Grünen Gentechnik Platz gemacht. In der Schweiz aber stimmt die Bevölkerung bald über ein fünfjähriges Gentechnik-Moratorium ab. Eine Tatsache, die bei den Agrarjournalisten in Thun Erstaunen auslöste. Angesichts der Etablierung der Gentechnik in der internationalen Landwirtschaft verstehen sie die irrationalen Ängste gegenüber dieser Technologie nicht. Oder kann es sein, dass sich über acht Millionen Landwirte aus Entwicklungs- und Industrienationen irren?

Die Schweiz hat nach langem Ringen vor anderthalb Jahren ihren Weg für den Umgang mit der Grünen Gentechnologie gefunden: Das Gentechnikgesetz (GTG), das seit Januar 2004 in Kraft ist, setzt klare Leitplanken und hohe Hürden. Es gewährleistet eine sichere und verantwortungsvolle Anwendung von gentechnisch veränderten Pflanzen sowie die Wahlfreiheit von Konsumenten und Produzenten. Gleichzeitig lässt es Raum für Forschung auf einem Gebiet mit ausgewiesenem Nutzen und grossem Potenzial - auch für unsere Landwirtschaft. Nebenbei ein Gebiet, auf dem unsere Forscher, wie beispielsweise jene an der ETH und der Universität Zürich, an der internationalen Spitze mitarbeiten.

Koexistenz ist möglich - auch in der Schweiz
Der Schutz der gentechnikfreien Produktion, eines der wichtigsten Anliegen der Gentechfrei-Initianten, ist mit dem umfassenden GTG bereits erfüllt. In der Landwirtschaft werden bald auf Verordnungs­ebene Regeln zur Koexistenz definiert, die auf wissenschaftlichen Fakten beruhen und ein sinnvolles Nebeneinander verschiedener Anbaustrategien ermöglichen. Die eidgenössische Forschungsanstalt in Reckenholz hat gute Vorarbeit geleistet und mit ihrer Studie gezeigt, dass Koexistenz in der Schweiz möglich und, je nach Kultur, mit einfachen technischen und organisatorischen Massnahmen realisierbar ist. Unser Gentechnikgesetz ist restriktiv und von Vorsicht geprägt. Was ist nun der Nutzen eines Moratoriums, das die molekularbiologische Pflanzenzucht stigmatisiert, eine isolationistische Haltung zementiert und irrationalen Ängsten weiteren Aufwind verleiht?

Die Initiative verspricht den Konsumenten Lebensmittel aus gentechnikfreier Landwirtschaft und den Bauern bessere Marktchancen durch das Label «gentechnikfrei». Ausgeblendet aber wird, dass Einfuhr und Verkauf von gentechnisch veränderten Lebens- und Futtermitteln auch nach Annahme der Initiative weiterhin erlaubt wären. Im Bereich der GVO-Lebensmittel ist die Schweiz gemäss den geltenden Deklarationsvorschriften heute schon praktisch GVO-frei. Falls überhaupt wurden in den letzten Jahren in den allermeisten getesteten Mais- und Sojaprodukten nur Spuren nahe der analytischen Nachweisgrenze gefunden.

Anders die Situation im Futtermittelbereich: Von den im Jahr 2004 insgesamt 383'595 Tonnen impor­tierten Futtermitteln waren 2'101 Tonnen oder 0.55% GVO-Futtermittel, insbesondere Sojaschrot und Maiskleber aus Brasilien. Tiere in der Europäischen Union dagegen werden hauptsächlich mit GVO-haltigen Futtermittel aus den USA, Argentinien und Brasilien gefüttert. Viele dieser tierischen Produkte wiederum landen auf Schweizer Tellern. Für unsere Landwirtschaft aber hat die GVO-Freiheit ihren Preis: Auf rund 15 Millionen Franken Mehrkosten wird der Aufwand für Zertifizierung und Kontrollen geschätzt. Angesichts der grossen Herausforderungen unserer Landwirtschaft fragt sich, wie lange diese zusätzlichen Kosten noch tragbar sind.

Klare Leitplanken, nicht schädliche Sackgassen
Da die Moratoriumsinitiative weder auf die importierten Lebens- noch Futtermittel einen Einfluss hat, enttarnt sich ihr proklamiertes Ziel als leere Worthülse. Wenn wir Waschmittel, Forschungslabors, Medikamente, Therapien, industrielle Produktionsverfahren und vieles andere ausklammern, ist die Schweiz heute praktisch gentechfrei. Selbst auf die landwirtschaftliche Produktion in der Schweiz hätte die Initiative keinen Einfluss, da die kommerzielle Zulassung einer neuen transgenen Pflanzen­sorte nicht einmal theoretisch innerhalb der Fünfjahresdauer möglich wäre.

Für den Fortschritt in Forschung und Landwirtschaft aber entpuppt sich das Moratorium als trojani­sches Pferd. Die ablehnende Haltung der Initianten gegen die Grüne Gentechnologie ist fundamental. Unter dem Vorwand, die Forschung zu erlauben, soll die Anwendung der Pflanzenbiotechnologie im Keim erstickt und damit letztlich die Technologie als Ganzes verhindert werden. Denn Forschung an Pflanzen kann nicht nur im Labor und im Gewächshaus stattfinden. Und der Freisetzungsversuch der ETH Zürich mit transgenem pilzresistenten Weizen offenbarte die wahre Gesinnung der Initianten: Das Experiment wurde jahrelang torpediert, gebremst und öffentlich gebrandmarkt. Professor Dieter Imboden, Präsident des Forschungsrats des Schweizerischen Nationalfonds, hat die Situation in einem Interview diesen Sommer treffend auf den Punkt gebracht: "In einem feindlichen Klima sterben Forschung und Lehre ab." Und eben dieses Klima wird von den Initianten geschürt.

Die moderne Biotechnologie gibt immer mehr Bauern weltweit Alternativen zum chemischen Pflanzen­schutz und neue Chancen zur Nahrungs- und Existenzsicherung. Die Pflanzenforschung und mit dabei auch einige Schweizer Wissenschafterteams gewinnen laufend neue Erkenntnisse und machen stetig weitere Fortschritte zur Lösung bestehender Probleme. Wir brauchen für den Umgang mit der Grünen Gentechnik keine Verbote. Und wir brauchen keine Pausen zum Denken und schon gar keine Pausen vom Denken. Bundesrat, Parlament, Wirtschaft und Forschung befürworten einen strengen, aber pragmatischen Umgang mit gentechnisch veränderten Pflanzen. Ich bin zuversichtlich, dass sich auch das Schweizer Stimmvolk einmal mehr pragmatisch entscheiden wird: für die Wahlfreiheit und die Zukunft statt für Bevormundung und den Stillstand.


4. Koordinaten der Referenten

Prof. Ernst Hafen
Direktor

Zoologisches Institut
Universität Zürich-Irchel
Winterthurerstrasse 190
CH-8057 Zürich
Tel.: +41 (0)44 635 48 71
hafen@zool.unizh.ch

Prof. Klaus Ammann
Direktor

Botanischer Garten
Universität Bern
Altenbergrain 21
CH-3013 Bern
Tel.: +41 (0)31 631 49 37
klaus.ammann@ips.unibe.ch

Josef Leu
Nationalrat CVP LU
Landwirt, Ingenieur HTL

Günikon
CH-6276 Hohenrain
Tel.: +41 (0)41 910 32 31
josef.leu@bluewin.ch

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