Stammzellen


  1. GEN-DIALOG «Stammzellforschung», Juni 2008
  2. GEN-DIALOG «Stammzellforschung», Dezember 2006
  3. Stellungnahme der Stiftung Gen Suisse zum Entwurf der Stammzellenforschungsverordnung (VStFG), 12. März 2004
  4. Dokumentation Science Talk "Therapeutisches Klonen" vom 2. Dezember 2003
  5. Referate der Medienkonferenz vom 30. Juli 2002
  6. Stellungnahme der Stiftung Gen Suisse zur Forschung an embryonalen Stammzellen, 30. Juli 2002
  7. Positionspapier des SNF zur Verwendung von menschlichen, embryonalen Stammzellen in der biomedizinischen Forschung, 28. September 2001
  8. GEN-DIALOG «Forschung mit humanen embryonalen Stammzellen aus ethischer Sicht», August 2001
  9. GEN-DIALOG «Verwendung von Stammzellen in Forschung und Medizin», Mai 2000

GEN-DIALOG «Verwendung von Stammzellen in Forschung und Medizin», Mai 2000

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  1. Vorwort von Anita Holler, ehem. Geschäftsführerin Gen Suisse
  2. Interview mit Prof. Dr. Alois Gratwohl, Abteilung Hämatologie, Kantonsspital Basel

1. Vorwort von Anita Holler, ehem. Geschäftsführerin Gen Suisse

Die vielseitigen Stammzellen
Stammzellen können sich selbst erneuern, und sie können zu verschiedenen Arten von Zellen ausreifen. Im erwachsenen Körper gibt es verschiedene Typen von Stammzellen. In unserem Verdauungstrakt erneuern Stammzellen ständig die Auskleidung des Darms, während jene unserer Haut Nachschub an Hautzellen liefern, und die Stammzellen des Knochenmarks erneuern alle unsere Blutzellen. Diese Zellen ersetzen, was alltäglichem Verschleiss im Körper unterliegt. Das gilt allerdings nicht für sämtliche unserer Organe. Im Herz und Gehirn zum Beispiel gibt es nach heutigem Wissensstand nur wenige oder gar keine Stammzellen. Aber wer weiss, möglicherweise lassen sich bereits teilweise differenzierte Stammzellen eines Erwachsenen dereinst so "umstimmen", dass aus ihnen Gehirnzellen zur Behandlung der Parkinson-Krankheit entstehen oder Herzmuskelzellen, um Gewebe zu ersetzen, das durch einen Herzinfarkt geschädigt wurde. Das sind bisher nur Spekulationen. Aber immerhin, es gibt mittlerweile Forschungsergebnisse, die auf die Möglichkeit einer solchen Umprogrammierung deuten.

Die Sensation, die ethische Fragen aufwirft
Die embryonalen Stammzellen verfügen über das grösste Potenzial unter den Stammzellen. Aus ihnen kann einzeln praktisch jeder der rund 200 verschiedenen Zelltypen des menschlichen Körpers hervorgehen. Im November 1998 gelang es Forschenden erstmals, menschliche embryonale Stammzellen in Kultur zu züchten. Das war eine Sensation in der Wissenschaftswelt und veranlasste zu grossen Spekulationen über künftige Entdeckungen und Entwicklungen: die gezielte Züchtung therapeutisch nützlicher Zelltypen und Gewebe oder gar ganzer Organe. Oder noch einen Schritt weiter: Das Zuchtgewebe könnte vom Patienten selbst stammen, auf den es transplantiert wird, so dass es zu keiner Abstossung kommt. Vorbei die langen Wartelisten nach geeigneten Spendergeweben oder Spenderorganen! Diese Zukunftsmusik hat auch schon einen Namen: therapeutisches Klonen. Schön und gut mag das Ziel sein, doch der Weg dorthin - er führt heute über die Verwendung menschlicher, embryonaler Stammzellen - ist ethisch sehr umstritten. In der Schweiz ist die Forschung mit menschlichen Embryonen verboten. Geforscht wird deshalb mit Stammzellen aus Nabelschnurblut oder aus erwachsenen Menschen.

Die öffentliche Diskussion fängt erst an
Über Stammzellen wird derzeit in der Schweiz vornehmlich im Kreise der Wissenschafter und Ethiker diskutiert. Medienschaffende greifen das Thema erst zögerlich auf. Im Zentrum stehen dann meist die Spekulationen. Wahrscheinlich, weil es nun einmal unheimlich und faszinierend zugleich ist, sich gezüchtete Nieren oder Lungen im Reagenzglas vorzustellen. Das Interview mit Prof. Dr. Alois Gratwohl ist für jene gedacht, die wissen möchten, was Stammzellen sind und wie sie in der Schweiz bereits heute medizinisch genutzt werden.


2. Interview mit Prof. Dr. Alois Gratwohl, Abteilung Hämatologie, Kantonsspital Basel

Was können Stammzellen, was andere Zellen des Menschen nicht können, dass sie in der Medizin als etwas Besonderes gelten?
Stammzellen haben zwei besondere Fähigkeiten. Sie können durch Teilung und Mehrung sich selbst erneuern; und sie können zu verschiedenen Zelltypen mit unterschiedlichen, spezifischen Funktionen ausreifen, also zum Beispiel zu fertigen Herz-, Muskel- oder Leberzellen. Im Grunde genommen haben diese Zellen das Potenzial, ganze Organe aufzubauen.

Man kann im Labor zum Beispiel ein Herz züchten?
Das ist heute nicht möglich; und ich kann derzeit nicht einschätzen, ob es je möglich und sinnvoll sein wird, im Labor ganze, funktionsfähige Organe zu züchten. Aber ich kann mir als Beispiel durchaus vorstellen, dass man eines Tages bei Patienten, die einen Herzinfarkt erlitten haben, das geschädigte Herzgewebe durch Stammzell-Transplantation wird erneuern können.

Also, dass man bestimmte Zellen oder Gewebe züchten kann?
Ja, zum Beispiel Inselzellen der Bauchspeicheldrüse zur Behandlung der Zuckerkrankheit oder Bindegewebe der Haut, um Verbrennungen und andere Wunden zu heilen, oder Knorpelzellen, um durch Arthritis zerstörtes Gelenkgewebe wieder aufzubauen.

Werden Stammzellen schon heute für die Medizin genutzt?
Ja, was für Herz oder Leber noch wie Zukunftsmusik tönt, ist für das Blut bildende System bereits seit langem Realität. In Europa wurden in den vergangenen zehn Jahren mehr als 100'000 Transplantationen der Blut bildenden Stammzellen durchgeführt. Im Gegensatz zu soliden Organen ist das Blut im ganzen Körper verteilt. Die grosse Palette der verschiedenen Blutzellen, also der roten und weissen Blutkörperchen sowie der Blutplättchen, wird von den Blut bildenden Stammzellen im Knochenmark gebildet. Dort sind die Stammzellen des Blutes vorwiegend zu finden, aber auch im zirkulierenden Blut. Wenn nun also jemand an einer Erkrankung des Knochenmarks, zum Beispiel an Blutkrebs, leidet, braucht man nicht das ganze Organ zu transplantieren, sondern es genügt, gesunde Blut bildende Stammzellen zu übertragen.

Anstatt das Knochenmark eines Spenders zu transplantieren, übertragen Sie also Blut bildende Stammzellen eines Spenders auf den Patienten?
Das ist bedingt richtig. Bei beiden Ansätzen, der Knochenmark-Transplantation und der peripheren Stammzell-Transplantation, ist das Ziel, Blut bildende Stammzellen eines Spenders zu transplantieren. Diese sind ja vorwiegend im Knochenmark vorhanden und können dort einfach gewonnen werden. Überträgt man also Knochenmark, so überträgt man auch die Blut bildenden Stammzellen. Nun ist es aber auch möglich, dank moderner Medikamente, Blut bildende Stammzellen aus dem Knochenmark ins Blut zu bewegen und sie dort anzureichern. Mit diesem Verfahren kann man eine grössere Zahl dieser Stammzellen gewinnen. Die eigentliche Transplantation der Stammzellen erfolgt bei beiden Verfahren direkt in die Blutbahn des Empfängers wie eine Bluttransfusion. Die Stammzellen finden im Empfänger ihren Weg ins Knochenmark, lassen sich dort nieder, vermehren sich und führen zur kompletten Erneuerung des Blut bildenden Systems.

Sie bauen zusammen mit dem Hämatologielabor und der Gynäkologischen Klinik in Basel eine Nabelschnurblutbank auf. Was ist an diesem Blut besonders?
Das Nabelschnurblut von Neugeborenen ist für die Medizin sehr wertvoll, weil darin eine grosse Zahl von Blut bildenden Stammzellen enthalten ist. Diese können wie beschrieben für Transplantationen zur Behandlung von Erkrankungen des Blutes oder des Immunsystems verwendet werden. Nebst Blut bildenden Stammzellen hat es im Nabelschnurblut aber auch noch Stammzellen anderer Organe wie Leber, Muskel, Herzmuskel, Gefässe oder Knorpel. Es ist vorstellbar, dass man diese eines Tages für die Züchtung der entsprechenden Gewebe wird benützen können.

Der Zweck der Hinterlegung solcher Proben ist also, dass man, sollte das Kind z.B. an Blutkrebs erkranken, auf seine eigenen Stammzellen zurückgreifen kann?
Heute ist der hauptsächliche Grund, warum man einem Neugeborenen Nabelschnurblut entnimmt, ein anderer, nämlich dessen Verwendung zur Behandlung von Krankheiten innerhalb der Familie. Erwartet eine Familie, die ein Kind mit einer angeborenen oder erworbenen Blutkrankheit hat, ein zweites Kind, und kommt dieses gesund auf die Welt, so eignet sich sein Nabelschnurblut in vielen Fällen bestens zur Behandlung seines kranken Geschwisters. Nabelschnurblut kann aber auch zur Behandlung von Krankheiten ausserhalb der Familie verwendet werden. Aus diesem Grund werden auf der ganzen Welt - nun auch in Basel - Nabelschnurblutbanken aufgebaut. So wie man heute in den weltweit zugänglichen Knochenmark- und Stammzell-Registern nach einem passenden Spender für einen Patienten suchen kann, kann man das dann auch in diesen Nabelschnurblutbanken tun. Und dann ist noch die von Ihnen angesprochene, dritte Möglichkeit denkbar, nämlich das Nabelschnurblut eines Neugeborenen quasi als Reserve zu hinterlegen, für den Fall, dass das Kind erkranken sollte.

Letzteres wird schon gemacht?
Das ist heute bedingt Realität. Es gibt im Ausland Firmen, die solche Nabelschnurblutbanken auf kommerzieller Basis aufbauen wollen. Sie bieten werdenden Eltern an, das Nabelschnurblut ihres Kindes gegen Bezahlung zu hinterlegen.

Sollte man Ihrer Meinung nach von jedem Neugeborenen Nabelschnurblut auf die Seite legen?
Bis heute gibt es noch keine Daten, die dafür sprechen, dass das sinnvoll und nützlich wäre. Mir ist ein einziger publizierter Fall bekannt, bei dem man auf das hinterlegte Nabelschnurblut zur Behandlung des Kindes zurückgegriffen hat. So gesehen ist diese Frage noch absolut offen und sollte meiner Meinung wissenschaftlich angegangen werden. Die Arbeitsgruppe von Prof. Dr. André Tichelli ist im Rahmen des neuen Forschungsprogramms "Implantate und Transplantate" des Schweizerischen Nationalfonds daran, genau solche Fragen aufzustellen und abzuklären.

Darf man in der Schweiz auch mit embryonalen Stammzellen arbeiten?
In der Schweiz ist die Forschung mit Embryonen verboten. Es ist also auch verboten, Stammzellen aus einem Embryo zu gewinnen. Es gibt aber auch im erwachsenen Menschen Stammzellen, die das gleiche Potenzial haben wie die Stammzellen eines frühen Embryos, also die sich in alle unterschiedlichen Gewebe entwickeln können. Diese Zellen zu finden und zu gewinnen, daran wird intensiv geforscht. Damit würde die ethisch umstrittene Gewinnung solcher Zellen aus Embryonen entfallen.

Denken Sie, dass man solche Zellen im Erwachsenen finden wird?
Zumindest weisen Forschungsergebnisse darauf hin. Man kann auch noch in eine andere Richtung spekulieren, nämlich, dass es gelingen könnte, bereits ausdifferenzierte Körperzellen in ein Stadium zurückzuversetzen, in dem die Zellen wieder fähig sind, sich in die verschiedenen Zelltypen zu differenzieren. Aber wie gesagt, das sind Spekulationen.

Die von Ihnen beschriebenen Ziele der Stammzellforschung erscheinen sinnvoll, warum ist sie dennoch so umstritten?
Umstritten sind in erster Linie nicht die Ziele an sich, also die Behandlung von Krankheiten, sondern eben die Gewinnung der Stammzellen aus Embryonen. Ich glaube, viele Leute haben deshalb beim Wort "Stammzellforschung" Embryonen vor Augen, die im Labor auseinander geschnitten, zerstückelt und im Reagenzglas gezüchtet werden.

Was denken Sie, wird in 20 bis 30 Jahren mit Stammzellen möglich sein?
Das ist schwierig zu beantworten. Ich weiss es nicht. Aber ich glaube schon, dass man mit Stammzellen erkrankte oder alternde Organe besser als heute wird behandeln können.

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