Die Kartoffeln und Ratten von Pusztai
Aussage: "...Pusztai gelangte letzten Sommer in die Schlagzeilen: Er meldete dass Ratten, denen er genmanipulierte Kartoffeln verfüttert hatte, an Schäden von wichtigen Organen und an einer Schwächung von Organen des Immunsystems zu leiden begannen. Zwei Tage darauf wurde die Nachricht als "Falschmeldung" widerrufen und Professor Pusztai von seinem Arbeitgeber, dem Rowett-Institute in Aberdeen, per sofort suspendiert...
...Der Basler Appell fordert daher das Bundesamt für Gesundheitswesen (BAG) auf, die Konsequenzen aus der neuen Situation zu ziehen und keine weiteren genmanipulierten Lebensmittel mehr zuzulassen sowie die bisherigen Bewilligungen zurückzuziehen..."
Sachlage: Im Gegensatz zu Dr. Pusztai, der negative Auswirkungen der zwei untersuchten transgenen Kartoffelsorten auf das Wachstum, die Organentwicklung und das Immunsystem von Ratten beobachtet haben will, kommen diverse unabhängige Institutionen - darunter das Prüfungskomitee des Rowett Research Institute (RRI, Arbeitgeber von Pusztai), die Royal Society und der Parlamentsausschuss für Wissenschaft und Technologie Grossbritanniens (House of Commons Science and Technology Committee) - nach eingehender Prüfung der Pusztai-Studie zum gegenteiligen Schluss: Weder mit den Kurzzeit- (10 Tage) noch mit den Langzeit-Versuchen (110 Tage) konnte ein signifikanter Unterschied zwischen dem Wachstum und der Organentwicklung von Ratten, die mit den transgenen Kartoffeln gefüttert wurden, und denen, die mit herkömmlichen Kartoffeln gefüttert wurden, festgestellt werden. Auch die Daten zur Untersuchung der Immunabwehr zeigten keine vom Futter abhängigen Unterschiede.
Im Bericht der Royal Society wird Pusztais Studie als fehlerhaft in Aufbau, Durchführung und Bewertung ("flawed in many aspects of design, execution and analysis") beurteilt. Der britische Parlamentsausschuss für Wissenschaft und Technologie weist Forderungen nach einem Moratorium für gentechnisch veränderte Pflanzen zurück: Wir haben keine Hinweise darauf gefunden, dass Risiken im Zusammenhang mit gentechnisch veränderten Lebensmitteln in irgendeiner Weise höher sind als solche mit konventionellen Lebensmitteln. ("We have seen no evidence to suggest that the risks associated with GM foods are any higher than those associated with conventional foods.", Sprecher des Komitees, Michael Clark).
Pusztai-Studie ist in keiner Fachzeitschrift veröffentlicht
Die Internet-Adresse www.rri.sari.ac.uk ist die einzige Informationsquelle zur Pusztai-Studie. Es verwundert nicht, dass die Arbeit bis heute in keinem Peer Review Journal veröffentlicht wurde: Sie ist mangel- und fehlerhaft und hält dem hohen Qualitätsanspruch für eine Veröffentlichung in einer anerkannten Fachzeitschrift in keiner Weise stand. Prof. Dr. Richard Braun, ehemaliger Leiter des Instituts für Mikrobiologie der Universität Bern, meint nach umfassender Prüfung der Daten: "Wenn eine meiner Studentinnen oder Studenten mit einer solchen Arbeit zu mir gekommen wäre, hätte ich sie oder ihn für weitere sechs bis zwölf Monate zurück ins Labor geschickt." (Die detaillierte Daten-Analyse von Prof. Braun kann bei Gen Suisse angefordert werden. Sie ist in englischer Sprache verfasst).
Pusztais Widersprüche
Im Fernseh-Interview vom 10. August 1998 sagt Pusztai: Eine der gentechnisch veränderten Kartoffeln bewirkt bei den Ratten nach 110 Tagen eine verringerte Immunantwort ("One of the genetically modified potatoes, after 110 days, made the rats less responsive to immune effects.").
In seinem Bericht vom 22. Oktober 1998 schreibt Pusztai dann: In den Langzeit-Experimenten (110 Tage) wurden keine Unterschiede in der Lymphozyten-Antwort zwischen den GNA-GM-Kartoffeln und ihren elterlichen Pendants beobachtet ("No significant differences were observed in lymphocytes responsiveness between GNA-GM-potatoes and their parent counterparts in long term (110 days) feeding experiments.").
Im Fernseh-Interview vom 10. August 1998 sagt Pusztai weiter: Das Immunsystem braucht etwa 10 Tage, um voll in Gang zu kommen. Das heisst, bei einem Kurzzeit-Versuch, hätten wir das Endresultat nicht bemerkt ("The immune system takes about 10 days to get in top gear. So, if we do a short-term trial, we would't have seen the end result.").
In seinem Bericht vom 22. Oktober 1998 stützt Pusztai dann aber sämtliche seiner Aussagen bezüglich Störungen des Immunsystems ausschliesslich auf die Kurzzeit-Fütterungsversuche ab.
Diese Widersprüche sind umso brisanter, liest man den Bericht des Prüfungskomitees des RRI. Daraus geht hervor, dass Pusztai die Langzeit-Fütterungsversuche (110 Tage) und andere relevante Experimente zum Zeitpunkt seines Fernseh-Interviews noch gar nicht abgeschlossen hatte. Die Erklärung liegt auf der Hand: Das 110-Tage-Experiment ist nicht so ausgefallen, wie von Pusztai erwartet, weshalb er sich nachträglich in seinem Bericht auf die 10-Tage-Experimente berief, von denen er selbst zuvor im Fernseh-Interview sagte, sie seien nicht aussagekräftig.
Pusztai sagte im Fernsehinterview vom 10. August 1998 weiter, er selber würde keine gentechnisch veränderten Nahrungsmittel zu sich nehmen und es sei sehr unfair, die MitbürgerInnen als Versuchskaninchen zu missbrauchen. Diese Aussage Pusztais impliziert den Vorwurf der Verantwortungslosigkeit der britischen Regierung gegenüber ihren Bürgerinnen und Bürgern. Er brachte so Wissenschaft (insbesondere auch das RRI) und staatliche Prüfungsinstitutionen in Misskredit.
Weitere Hintergrundinformationen
Transgene Kartoffeln mit einem Lektin-Gen
Die von Pusztai an Ratten verfütterten, transgenen Kartoffelsorten enthalten ein Lektin-Gen (GNA-Gen), das natürlicherweise im Schneeglöckchen (Galanthus nivalis) vorkommt. Die Kartoffeln wurden eigens zu Forschungszwecken gezüchtet. Sie sind weder auf dem Markt, noch wurde eine Marktzulassung beantragt. Lektine sind Pflanzen-Eiweisse, die gegenüber bestimmten Insekten und Pilzen giftig wirken. Pflanzen produzieren sie, um Schädlinge von sich fernzuhalten.
Fütterungsexperimente
Pusztai führte Fütterungsversuche an Ratten durch, um die Giftigkeit des neu in die Kartoffeln eingeführten Lektin-Gens (GNA-Gen) zu untersuchen. Er fütterte die Ratten während 10 bzw. 110 Tagen mit den transgenen bzw. herkömmlichen Kartoffeln (Kontrolle). Pusztai prüfte das Wachstum der Ratten und nach Tötung der Tiere das Gewicht ihrer Organe. Zur Untersuchung der Immunabwehr der Ratten führte er nur drei Kurzzeit- und einen einzigen Langzeit-Fütterungsversuch durch und beschränkte sich auf einen Lymphozyten-Proliferations-Test (dieser Test ergibt ein Mass der Fähigkeit weisser Blutkörperchen, sich zu vermehren).
Ablauf der Ereignisse
September 1997
Das Schottische Departement für Landwirtschaft, Umwelt und Fischerei (Agriculture, Environment and Fisheries Department) beauftragt das Rowett Research Institute (RRI, Aberdeen/Grossbritannien), zwei transgene Kartoffelsorten mit Lektin-Genen an Labortieren zu untersuchen. Im September 1997 beginnen die Experimente unter der Leitung von Dr. Arpad Pusztai.
10. August 1998
In einem Fernseh-Interview (World in Action programme) sagt Pusztai, die transgenen Kartoffeln hätten negative Auswirkungen auf das Wachstum und das Immunsystem von Ratten.
August 1998
Die Direktion des RRI setzt ein Prüfungskomitee ein (Audit Committee) und beauftragt dieses, Pusztais Aussagen im Fernseh-Interview vom 10. August 1998 auf der Grundlage der zu diesem Zeitpunkt zur Verfügung gestandenen Daten auf ihre Richtigkeit hin zu prüfen. Die Kommission trifft sich am 21. August 1998 und gibt kurz darauf einen Bericht zuhanden der RRI-Direktion heraus (Audit report of the RRI). Das Komitee kommt zum Schluss, dass die Daten keine negativen Auswirkungen der transgenen Kartoffelsorten auf das Wachstum, die Organentwicklung oder das Immunsystem belegen. Im Bericht sind diverse Interview-Aussagen als nachweislich unwahr aufgelistet (siehe oben "Pusztais Widersprüche"). Dr. Pusztai erhält eine Kopie des Berichts und wird von der RRI-Direktion gebeten, zu antworten.
Das RRI suspendiert Pusztai. Die Suspendierung öffnet Spekulationen Tür und Tor. Pusztai wird zum Gentech-Märtyrer.
22. Oktober 1998
Am 22. Oktober übergibt Dr. Pusztai seinen Bericht an die RRI-Direktion (Alternative Report of Dr Pustzai). Darin spricht er von signifikanten Effekten der transgenen Kartoffelsorten auf die Organentwicklung, den Metabolismus und die Immunfunktion von Ratten.
28. Oktober 1998
Das Prüfungskomitee des RRI kommt auch nach Durchsicht des Alternativen Reports von Dr. Pusztai zu keinem anderen Schluss als in seinem Audit-Bericht (The Audit Committee's Response to Dr Pusztai's Alternative Report).
12. Februar 1999
Pusztai präsentiert an einer Pressekonferenz im House of Parliament in London seine Studie. Zwanzig WissenschafterInnen aus 13 verschiedenen Ländern unterstützen ihn mit kurzen Statements. Viele der Aussagen bezogen sich auf die als ungerecht empfundene Suspendierung Pusztais und nicht auf die Studien-Daten. Gemäss der Tageszeitung "Daily Telegraph" (15. Februar 1999) wurde die Pressekonferenz von der Umweltorganisation "Friends of the Earth" organisiert. Dass die Pressekonferenz eine Woche vor der Cartagena Konferenz über Biodiversität und Biosicherheit stattfand, scheint nicht zufällig.
16. Februar 1999
Dass RRI veröffentlicht auf dem Internet www.rri.sari.ac.uk sämtliche Daten, Berichte und Pressemeldungen.
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Letzte Änderung: 2004-09-21 16:09:16