Stellungnahmen (Archiv)

Mehr Vitamin A im Reiskorn

Aussage: An der ETH Zürich wird versucht, ein Problem mittels Gentechnik zu lösen, das auf viel einfacherem Weg angegangen werden könnte. Anstatt Vitamin-A-Reis zu züchten, sollte man den Menschen in der Dritten Welt vielmehr verständlich machen, dass sie den Reis mit der Schale essen sollten. Diese enthält nämlich Vitamin-A.

Stellungnahme: "Der tägliche Vitamin-A-Bedarf beträgt weniger als ein Milligramm. Wir können Vitamin-A z.B. mit Spinat, Salat oder Karotten zu uns nehmen. Geschälter Reis hingegen enthält weder Vitamin-A noch Provitamin-A (dieses wird im Körper in Vitamin-A umgewandelt). Deshalb leiden insbesondere Menschen tropischer Länder wie China, Indien, Burma, Malaysia oder Indonesien, deren Ernährung fast ausschliesslich von Reis abhängt, an Vitamin-A-Mangelkrankheiten. Die Weltgesundheitsorganisation schätzt, dass über 100 Millionen Kinder und Jugendliche davon betroffen sind. Vitamin-A-Mangel schwächt die Widerstandsfähigkeit gegen Infektionserreger - für rund 5 Millionen Menschen jährlich mit tödlichen Folgen. Bei zirka 3 Millionen Kindern führt der Vitamin-A-Mangel zur völligen Blindheit. Ein Fernziel unserer Forschungsbemühungen ist deshalb die Herstellung und Speicherung von Provitamin-A im Reiskorn selbst. Dadurch liesse sich dessen Nährwert deutlich verbessern und einer Mangelernährung entgegenwirken. Es ist richtig, dass Provitamin-A in allen grünen Teilen der Pflanze und damit auch in der Schale enthalten ist. Warum also nicht einfach ungeschälten Reis essen, damit wäre das Problem doch gelöst? Wenn es denn nur so einfach wäre! Es gibt drei wichtige Gründe, warum dem nicht so ist:

  1. Der Provitamin-A-Gehalt in der Schale ist 1'000 mal zu niedrig, um den Tagesbedarf zu decken.
  2. Die Zubereitung ungeschälter Reiskörner benötigt rund dreimal soviel Energie wie die geschälter (Verbrauch Brennholz).
  3. Der Keimling und die Schale enthalten einen hohen Anteil an Ölen. Werden diese vor der Lagerung nicht entfernt, wird der Reis bei tropischem Klima (hohe Luftfeuchtigkeit und Temperaturen) sehr schnell ranzig und damit ungeniessbar.
Mittlerweile produzieren Reiszellen in unseren Labors Vorstufen von Provitamin-A und in unseren Gewächshäusern blüht gentechnisch veränderter Reis. Wohl wird es noch etliche Jahre brauchen, bis die Reisbauern der Entwicklungsländer lokale, vitaminreiche Sorten anpflanzen können. Doch besteht erstmals berechtigte Hoffnung, Millionen von Menschen auf einfachem Weg vor schweren Vitamin-A-Mangelkrankheiten zu schützen. Es ist meine persönliche Überzeugung, dass in diesem Fall Nicht-Handeln unethisch wäre."

Dr. Peter Burkhardt, Institut für Pflanzenwissenschaften, ETH Zürich, Juni 1997
Quellen: Rice in human nutrition. B. O. Juliano, 1993; FAO Food and Nutrition Series, No. 26. Rome
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