1. Vorwort von Dr. Angelika Kren, Geschäftsführerin der Stiftung Gen Suisse
Die grosse Ähnlichkeit mit dem Menschen macht es möglich, in Versuchen an und mit Primaten wichtige Erkenntnisse über das Funktionieren des menschlichen Organismus zu gewinnen. Diese nahe Verwandtschaft bringt jedoch auch wichtige ethische Fragen mit sich. In der Schweiz werden Versuche an Primaten mit strengen Gesetzen geregelt.

Experimente mit Zellkulturen oder Versuche mit weniger komplexen Tieren wie Fliegen, Würmern oder Nagern sind für die biologisch-medizinische Forschung elementar. Diese Modelle bilden die Grundlage, um den menschlichen Organismus zu untersuchen. Sie haben aber ihre Grenzen. Gewisse Bereiche der Humanbiologie und der Medizin sind auf hohe anatomische, physiologische und funktionelle Ähnlichkeit (Verwandtschaft) zwischen Modellorganismus und Mensch angewiesen. Versuche mit Primaten sind oft die einzige Möglichkeit, gewisse Fragestellungen genügend zu klären. Das gilt für die Grundlagenforschung, für die medizinisch-angewandte Forschung sowie für das Testen von Medikamenten auf Wirksamkeit und Sicherheit.
Forschungsgebiete wie die Immunologie, die Neurobiologie, die Altersforschung und die Fortpflanzungsbiologie sind ohne Experimente an Primaten undenkbar. Die Art, wie Bakterien oder Viren unsere Zellen befallen und wie unser Körper darauf reagiert, sind Mechanismen, die meist nur bei den Primaten mit dem Menschen vergleichbar sind. Impfungen gegen Gelbfieber, Kinderlähmung und Hepatitis B konnten nur aufgrund von Versuchen an Primaten entwickelt werden. Aktuell liefern Primatenstudien einen unverzichtbaren Beitrag in der HIV-Impfstoff-Entwicklung.
Die Basis dieser angewandten Forschung bildet die Grundlagenforschung, deren Ziel es ist, Mechanismen im gesunden und kranken Organismus zu verstehen. Auch wenn der Nachweis eines konkreten medizinischen Nutzens oftmals schwierig ist, wird medizinisch-angewandte Forschung nur mit dem Wissen der Grundlagenforschung möglich.
Die Anzahl der für die Forschung benötigten Primaten ist in der Schweiz seit Jahren konstant gering und macht etwa 0,05 Prozent aller Tierversuche aus. Es gelten ~ wie im Allgemeinen für Tierversuche ~ die im Tierschutzgesetz verankerten 3R: Replace (Ersetzen), Reduce (Reduzieren), Refine (Verbessern). Computermodelle, Gewebekulturen, Methoden im Reagenzglas und Versuche an Nagern werden so weit als möglich angestrebt, um den Einsatz von Primaten auf ein absolutes Minimum zu reduzieren. Jeder Versuch wird beantragt, begründet und von den entsprechenden Behörden allenfalls genehmigt. Es muss gezeigt werden, dass der angestrebte Erkenntnisgewinn nur anhand von Experimenten an Primaten erzielt werden kann und schwerer wiegt als das zu erwartende Leid des Tieres. Das strenge Bewilligungssystem und eingehende Kontrollen vor und während der Versuche garantieren in der Schweiz einen ausgesprochen hohen Qualitätsstandard der Forschung an und mit Tieren.
Dr. Angelika Kren - Geschäftsführerin der Stiftung Gen Suisse
2. Das Prinzip «Reduce» am Beispiel.
Die Aussicht auf eine Therapie bei Rückenmarksverletzungen ist eine Erfolgsgeschichte der Schweizer Forschung. Dabei wurden biochemische Mechanismen in Zellkulturen entdeckt und anschliessend anhand von Nagern in lebenden Organismen untersucht. Versuche an Primaten haben den Weg für klinische Studien am Menschen frei gemacht.
Neurowissenschaften untersuchen die biologischen, medizinischen und psychologischen Aspekte des Nervensystems. Insbesondere das Zentrale Nervensystem (ZNS), das aus Gehirn und Rückenmark besteht, ist enorm komplex. Nur das Gehirn der Primaten zeigt die typischen Hirnregionen, die auch beim Menschen zu finden sind. Um zu verstehen, wie Informationen im gesunden Gehirn aufgenommen und verarbeitet werden oder wie Bewegungsabläufe koordiniert werden, ist es unumgänglich, mit Tieren zu arbeiten, die man für bestimmte Aufgaben dressieren kann und die fähig sind, komplexere Aufgaben zu lösen.
In der Schweiz arbeiten verschiedene Forschungsgruppen mit Primaten, um Mechanismen des ZNS besser zu verstehen. Zum Beispiel wird untersucht, wie bei der Planung und Vorbereitung von Greifbewegungen visuelle Informationen aufgenommen und in eine koordinierte Handbewegung umgesetzt werden. Detaillierte Kenntnisse darüber, wie und wo im Gehirn solche Planung stattfindet, können die Basis bilden, um Menschen mit Verletzungen des Rückenmarks oder des Gehirns zu helfen. Signale, die bei diesen Patienten zwar noch erzeugt, aber nicht mehr weitergeleitet werden, könnten abgefangen und über eine Roboterhand ausgeführt werden.

Um die Wirkung des Antikörpers im lebenden Organismus zu untersuchen, wurden bei Ratten einzelne Nervenfasern so durchtrennt, dass die Beweglichkeit eines der Hinterbeine eingeschränkt war. Tatsächlich führte eine Behandlung mit Antikörpern gegen Nogo A zum Nachwachsen der Nervenfasern und damit zu einer Verbesserung der Beweglichkeit. Ein Forscherteam um Professor Eric Rouiller am Institut für Physiologie der Universität Fribourg konnte die vielversprechenden Resultate am Modell der Primaten bestätigen. Nervenfasern wurden gezielt so verletzt, dass nur die Fingerfertigkeit der Tiere beeinträchtigt war. Tiere, die mit Antikörpern gegen Nogo A behandelt wurden, erlangten ihre ursprüngliche Fingerfertigkeit wieder vollständig zurück, weil Nervenfasern nachwuchsen. Nachdem die Wirkung der Nogo-A-Antikörper am Modell der Primaten bestätigt worden war und keine Nebenwirkungen auftraten, wurde der Weg frei für eine Anwendung am Menschen. Die erste Phase der klinischen Studien, in der die Verträglichkeit der Behandlung untersucht wird, ist mittlerweile abgeschlossen.
3. Interview mit Prof. Dr. Eric Rouiller

Am Institut für Physiologie der Universität Freiburg wurde die zuvor an Nagern untersuchte Wirkung von Antikörpern gegen Nogo A an Primaten bestätigt. Professor Rouiller beschreibt, wie solche Experimente geplant, bewilligt und durchgeführt werden.
Herr Rouiller, warum waren Experimente an
Primaten für die Forschung mit Nogo-A-Antikörpern
nötig?
Die Organisation des zentralen Nervensystems
ist zwischen Nagern und Menschen sehr unterschiedlich.
Hinzu kommt, dass an Ratten gewisse
Nebenwirkungen nicht erkannt werden können.
Forscher, Mediziner und auch Ethikkommissionen
waren der Ansicht, dass eine Therapie mit
Antikörpern gegen Nogo A zuerst an Primaten
getestet werden muss, bevor sie am Menschen
angewendet werden kann.
Dies ist ja schon angewandte Forschung, sind
Versuche mit Primaten auch in der Grundlagenforschung
nötig?
Es gibt keine klare Linie zwischen Grundlagenforschung
und angewandter Forschung. Es ist ein
Kontinuum. Die Grundlagenforschung von heute
liefert Erkenntnisse, die später in die Entwicklung
wichtiger Therapien einfliessen können.
Wie wurden die Experimente geplant?
Der Grundsatz der 3R ist entscheidend. Wir hätten
niemals von Beginn an Antikörper gegen
Nogo A an Primaten getestet. Konzentration der
Antikörper sowie Zeitpunkt und Dauer der Behandlung
sind Parameter, die zuvor an Nagern getestet
werden. Nur so ist es möglich, die Zahl der
verwendeten Primaten auf ein Minimum zu beschränken.
Wie wurden die Experimente dann durchgeführt?
Wir haben in drei Etappen je vier Tiere behandelt.
Die Versuche haben so insgesamt sechs Jahre
gedauert. Das ist sehr zeitaufwendig, aber es
gibt uns die Möglichkeit, die Versuche zu verbessern
oder abzubrechen, wenn wir keinen Effekt
der Behandlung sehen.
Wie haben Sie das Prinzip «Refine» (Verbessern)
umgesetzt?
Um die Wirkung von Antikörpern gegen Nogo A
zu testen und das Leben der Tiere möglichst
wenig zu beeinträchtigen, wurden die Nerven
durch einen chirurgischen Eingriff so verletzt,
dass nur die Fingerfertigkeit betroffen war. Die
Primaten konnten sich weiterhin normal bewegen
und klettern. Eine derart gezielte Lähmung
war nur möglich, weil der Verlauf von Nervenbahnen
in Primaten aus Experimenten der Grundlagenforschung
bekannt ist.
Wie wurde die Operation durchgeführt?
Die Durchtrennung der Nerven wurde von einem
Neurochirurgen durchgeführt unter Bedingungen,
wie sie auch für Menschen gelten.
Können Primaten als Versuchstiere wirklich
nicht ersetzt werden, kann also das Prinzip
«Replace» nicht angewendet werden?
Es gibt Experimente, die können mit dem heutigen
Stand des Wissens nur am Modell der Primaten
durchgeführt werden. Wir untersuchen
zum Beispiel, wie visuelle und akustische Signale
im Gehirn kombiniert werden. Die Tiere müssen
dazu komplexe Aufgaben lösen, die nicht von
anderen Tieren ausgeführt werden können.
Sind die Richtlinien und Gesetze in der Schweiz
strenger als in anderen Ländern?
Ich bin der Meinung, dass sowohl Bewilligungsverfahren
als auch Bedingungen der Tierhaltung
in der Schweiz strenger sind als in anderen Ländern.
Ein Versuch, bei dem Primaten vollständig
gelähmt werden, würde in der Schweiz nicht
bewilligt, im Ausland allenfalls schon. Die Richtlinien
in der Schweiz erfordern von Forschern
ein grosses Engagement. Sie sind aber gerechtfertigt
und garantieren einen hohen ethischen
Standard.
Was würde es bedeuten, wenn in der Schweiz
Primatenforschung verboten würde?
Es ist besser, Experimente unter den strengen
und guten Richtlinien der Schweiz durchzuführen
als im Ausland, wo Kontrollen zum Teil weniger
streng sind. Gewisse Forschungsgebiete sind
auf Experimente mit Primaten angewiesen. Wenn
sie hier verboten würden, dann bestünde die
Gefahr, dass sie in Forschungslabors mit weniger
strengen Richtlinien durchgeführt würden.
Eine Richtlinie der Schweizerischen Akademie
der Medizinischen Wissenschaften besagt aber,
dass es für einen Schweizer Forscher unethisch
ist, Experimente im Ausland durchzuführen, die
hier nicht bewilligt würden. Die Konsequenz wäre,
dass Schweizer Forscher dieses Experiment
nicht durchführen könnten.
Bleiben Experimente an Primaten auch in Zukunft
so bedeutend?
2006 hat die UK Academy of Medical Sciences
einen sehr detaillierten Bericht über Experimente
mit Primaten veröffentlicht. Nach genauen
Recherchen kam man zum Schluss, dass
es auch mit den neusten Technologien nicht
möglich sein wird, auf Experimente an Primaten
in den Gebieten Neurobiologie, Fortpflanzungsbiologie,
Prozesse des Alterns und Immunologie
zu verzichten (Weatherall FRS FMedSci
Report).
Abschliessend: Wie geht es mit der Nogo-A-Forschung
weiter?
Im Moment untersuchen wir, ob eine Behandlung
mit Antikörpern gegen Nogo A auch bei
Hirnverletzungen, zum Beispiel nach einem Hirnschlag,
in Frage kommt. Auch hier hat man zuerst
bei Nagerexperimenten vielversprechende Resultate
erzielt, die jetzt an Primaten bestätigt werden
müssen.
4. Interview mit Prof. Alex Mauron

Ein Bewilligungsverfahren braucht klar definierte Regeln. Der Bioethiker Alex Mauron spricht darüber, was eine sinnvolle ethische Debatte ausmacht.
Herr Mauron, sind Experimente an Primaten aus
Ihrer Sicht vertretbar?
Es gibt Experimente, die unter bestimmten Bedingungen
meiner Meinung nach vertretbar sind.
Anstelle von Pauschalverboten oder -legitimierungen
brauchen wir genau definierte, auf die Art der
Primaten abgestimmte Regeln.
Warum sind Versuche mit Primaten verglichen
mit anderen Tierversuchen besonders heikel?
Aufgrund ihrer nahen Verwandtschaft zum Menschen
sind Primaten wichtige Modelle, um biologische
Vorgänge unseres Körpers zu untersuchen.
Biologische Nähe heisst aber auch moralische
Nähe und verstärkt ethische Bedenken. Je grösser
die mentalen Fähigkeiten, desto plausibler ist es,
dass das Tier in menschenähnlicher Weise leiden
kann. Es gilt, eine Grenze zu definieren, bei der die
Leidensfähigkeit so gross ist, dass Experimente
mit diesen Tieren nicht mehr vertretbar sind.
Wo wird in der Praxis diese Grenze gezogen?
Invasive Experimente an Schimpansen werden
heute in Europa nicht mehr durchgeführt. Es stellt
sich also die Frage, wo die Grenze liegt bei kleineren
Primaten, zum Beispiel bei den Makaken.
Wie wird diese Grenze festgelegt?
Seit Jahrzehnten erforschen Primatologen die
Lernfähigkeit und das Verhalten von Primaten
und liefern damit das nötige Verständnis über die
mentalen Fähigkeiten dieser Tiere. Basierend auf
diesen wissenschaftlichen Fakten soll entschieden
werden, welche Experimente welcher Primatenart
zugemutet werden können.
Diese Fakten definieren aber noch keine Grenze.
Die Fakten müssen aus dem Blickwinkel verschiedener
ethischer Theorien betrachtet werden. Ein
Ansatz, um die Problemstellung fokussiert und
rational anzugehen, ist, die Interessen der Tiere zudefinieren. Im Gegensatz zu biologischen Fakten
ist der Begriff «Würde der Kreatur», wie er in unserer
Verfassung steht, schwer fassbar und bietet
deshalb keine Grundlage für eine rationale Diskussion.
Wie wird schliesslich entschieden, ob ein Experiment
vertretbar ist oder nicht?
Es braucht eine Güterabwägung. Dabei müssen
vor allem das Tier und das Ausmass des Leidens,
das heisst der Schweregrad des Experiments,
berücksichtigt werden.
Und die andere Seite der Waagschale?
Der Erkenntnisgewinn letztlich im Hinblick auf
einen möglichen Nutzen für Gesundheit und
Gesellschaft. Sind die Experimente ein nötiger
Schritt, oder gibt es Alternativen? Wenn das Leid
des Tieres unverhältnismässig gross ist, sollen
Experimente nicht durchgeführt werden, egal wie
gross der Erkenntnisgewinn ist.
Wie sollte ein Bewilligungsverfahren für Experimente
an Primaten aussehen?
Jedes Experiment soll, wie bisher, von einer administrativen
Behörde, die genau definierte Regeln
anwendet, einzeln beurteilt werden. An diesem
Punkt sollen keine Grundsatzentscheide mehr
getroffen werden.
Wer stellt diese Regeln auf?
Ethiker müssen zusammen mit Forschern die Einblicke
liefern, auf deren Grundlage die politischen
Diskussionen stattfinden. Die Universitäten sollten
in diesem Bereich aktiver sein und diesen Dialog
fördern.
Können Sie mit der heutigen Situation in der
Schweiz bezüglich Experimenten an Primaten
leben?
Ja, der gesetzliche Rahmen, den wir zurzeit in der
Schweiz haben, ist gut. Die Diskussion muss weiter
stattfinden, und gesetzliche Anpassungen sollen
auf Erfahrungen und neuen Fakten beruhen. Wir
brauchen einen rationalen und auf Fakten beruhenden
Dialog.
Forschende reichen ein Gesuch, welches Ziel der Forschung, Anzahl Tiere, Schweregrad und Massnahmen zur Minderung von Leiden beschreibt, beim kantonalen Veterinäramt ein.
Behörden prüfen ethische Aspekte mit einer Güterabwägung zwischen den zu erwartenden Beeinträchtigungen des Tieres und dem Wert des wissenschaftlichen Erkenntnisgewinns.
Wird ein Versuch vom kantonalen Veterinäramt bewilligt, kann das Bundesamt für Veterinärwesen während 30 Tagen Rekurs einlegen. Erst dann dürfen die Versuche gestartet werden.
Laufende Versuche werden vom Veterinäramt kontrolliert. Jährlich Berichte der Forschenden zeigen nochmals alle Experimente, Zahl der Tiere und Schweregrad.
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Letzte Änderung: 2009-03-06 11:43:50