Vier Jahre nach dem Nobelpreis für die Genschere CRISPR/Cas9 wurde in der Schweiz die erste auf CRISPR/Cas9 basierte Gentherapie von Swissmedic zugelassen. Diese Therapie eröffnet Menschen mit Sichelzellkrankheit und Beta-Thalassämie die Chance auf Heilung. Eine Interpellation eingereicht von Nationalrat Benjamin Fischer fordert den Bundesrat auf, dringende Fragen zur Vergütung zu klären, damit Patienten baldmöglichst von dieser neu zugelassenen und innovativen Therapie profitieren können.
Der Nutzen ist klar, doch wer soll bezahlen?
Die Sichelzellkrankheit und Beta-Thalassämie sind genetische Erkrankungen, waren bisher nur schwer behandelbar und belasteten Patientinnen und Patienten ein Leben lang. Trotz Zulassung im September 2024, können Betroffene in der Schweiz derzeit noch nicht von der neuen Gentherapie profitieren. Grund dafür sind ungeklärte Vergütungsfragen: Zwischen Tarifpartnern wurde bislang keine Einigung gefunden, wie die Behandlungskosten übernommen werden sollen. Der medizinische Nutzen der Behandlung ist zwar enorm: Potenziell lebenslange Heilung, Verhinderung von Invalidität, Rückkehr ins Arbeitsleben; demgegenüber stehen allerdings Kosten von 2 bis 2.5 Millionen CHF pro Patienten. Ein Vorstoss, der von Nationalrat Benjamin Fischer im Mai eingereicht wurde, fordert den Bundesrat auf konkret Stellung zu beziehen, wie sichergestellt werden kann, dass bei Vergütungen innovativer Therapien neben den direkten Kosten auch der langfristige Nutzen berücksichtigt wird. Hintergrund ist, dass die längerfristigen positiven Effekte für Patientinnen, Gesellschaft und Sozialversicherungen dabei wenig Beachtung zu finden drohen.
Bundesrat verweist auf Tarifautonomie, Interpharma fordert Reform des Preissystems
Im August hat der Bundesrat auf den Vorstoss reagiert. Er verweist auf die geltenden WZW-Kriterien (Wirksamkeit, Zweckmässigkeit, Wirtschaftlichkeit) gemäss Krankenversicherungsgesetz. Diese sehen vor, dass nur direkte Kosten berücksichtigt werden dürfen. Zwar würden Aspekte wie Arbeitsfähigkeit oder vermiedene Invalidität in der Bewertung teilweise reflektiert, doch dürften sie nicht doppelt in die Kosten-Nutzen-Bilanz einfliessen. Weiterhin betont der Bundesrat, dass «es nicht Aufgabe des Bundesrates sei, die laufenden Tarifverhandlungen der Tarifpartner zu bewerten oder in diese Verhandlungen einzugreifen. Es liegt in der Verantwortung aller Akteure, sich für ein qualitativ hochstehendes und finanziell tragbares Gesundheitssystem zu engagieren.» Interpharma hat in seinem Jahresbericht von 2024 bereits gefordert, dass das Preissystem für zugelassene Arzneimittel in der Schweiz modernisiert werden müsse. Zudem habe sich der Zugang zu innovativen Medikamenten verschlechtert und die Zeit zwischen Zulassung durch Swissmedic und tatsächlicher Verfügbarkeit für Patienten sei problematisch gewachsen.
Könnte sich die Finanzierung an Modellen aus dem Ausland orientieren?
Die Finanzierung über Krankenkassenprämien soll für alle tragbar bleiben, gleichzeitig verlangen innovative Therapien hohe Preise, die sich langfristig zwar durchaus rechnen könnten, kurzfristig aber stark belasten. Ein Blick in andere Länder zeigt mögliche Lösungen auf. In den USA werden die Kosten für die einmalige Behandlung einer Gentherapie zur Behandlung von spinaler Muskelatrophie (SMA) bei Kindern über mehrere Jahre abbezahlt. Das glättet die Budgetbelastung und macht die Therapie kurzfristig bezahlbarer. In Deutschland wählte man für die Gentherapie der Beta‑Thalassämie ein ergebnisorientiertes Preis-Modell. Nur im Erfolgsfall wird der Vollpreis bezahlt, ansonsten erhält der Hersteller lediglich 40% der Kosten erstattet. Somit kann das Risiko zwischen Krankenkassen und Herstellern aufgeteilt werden.
Damit solche Modelle auch in der Schweiz anwendbar wären, müsste die Schweiz vorläufige Erstattungen für Swissmedic-zugelassene Gentherapien prinzipiell gewähren. Ein nationales Register könnte Behandlungsergebnisse erfassen und erfolgsabhängige Auszahlungen an Pharmaunternehmen ermöglichen. Zudem könnten gestaffelte Zahlungen über mehrere Jahre und ein Sonderfonds für sehr teure Einzelfälle die Kassen entlasten. Ob das funktioniert, hängt jedoch vor allem vom politischen Willen und der Bereitschaft der Hersteller ab, ergebnisabhängige Vereinbarungen zu akzeptieren.
Die Zulassung der ersten CRISPR-basierten Gentherapie ist ein historischer Meilenstein. Ob der wissenschaftliche Durchbruch rasch bei den Patientinnen und Patienten ankommt, entscheidet sich jetzt weniger in der Forschung als in der Gesundheitspolitik.
Quelle
1. Casgevy, Infusionsdispersion (Exagamglogene autotemcel)
https://www.swissmedic.ch/swissmedic/en/home/humanarzneimittel/authorisations/new-medicines/casgevy-infdispersion-exagamglogene-autotemcel.html (zuletzt abgerufen am 18. September 2025)
2. Casgevy: Launch sequence and price analysis of the first marketed CRISPR therapy
https://www.pharmaceutical-technology.com/analyst-comment/casgevy-launch-crispr-therapy/ (zuletzt abgerufen am 18. September 2025)
3. Zugang zu innovativen Therapien gegen seltene Krankheiten ermöglichen
https://www.parlament.ch/de/ratsbetrieb/suche-curia-vista/geschaeft?AffairId=20253464 (zuletzt abgerufen am 18. September 2025)
4. Jahresbericht 2024
https://www.interpharma.ch/wp-content/uploads/2025/04/20250321_IPH_Jahresbericht_24_WEB-PDF_DE.pdf (zuletzt abgerufen am 18. September 2025)
5. Jahresbericht 2023
https://www.interpharma.ch/wp-content/uploads/2024/04/20240423_iph_jahresbericht_2023_doppelseiten_DE_web_07cu.pdf (zuletzt abgerufen am 18. September 2025)
6. AveXis Announces Innovative Zolgensma® Gene Therapy Access Programs for US Payers and Families
https://www.novartis.com/news/media-releases/avexis-announces-innovative-zolgensma-gene-therapy-access-programs-us-payers-and-families (zuletzt abgerufen am 18. September 2025)
7. ATMPs in Germany - Zynteglo®
https://www.ecker-ecker.de/fach-posts-bei-linkedin/atmp/atmps-in-germany-zynteglo-r (zuletzt abgerufen am 18. September 2025)
(Bild: Google DeepMind / Unsplash)
