Gentherapie zum Abnehmen: Hoffnung oder Risiko für die Zukunft?

Gentherapien sollen künftig das Abnehmen revolutionieren: Einmal behandelt, produziert der Körper selbst GLP-1-Hormone. Die Ansätze sind vielversprechend, bergen aber auch Risiken. Für die Schweiz stellen sich dabei nicht nur medizinische, sondern auch gesellschaftliche Fragen.

2. März 2026

Neue Medikamente zum Abnehmen haben in den letzten Jahren weltweit viel Aufmerksamkeit erhalten. Wirkstoffe wie Semaglutid, Tirzepatid oder Orforglipron helfen vielen Menschen dabei, deutlich Gewicht zu verlieren. Sie wirken, indem sie das Darmhormon GLP1 nachahmen, das im Körper für das Sättigungsgefühl sorgt. Doch diese Medikamente müssen wöchentlich gespritzt, oder täglich als Tablette eingenommen werden. Ihre Wirkung endet mit dem Absetzen, und das verlorene Gewicht kehrt oft zurück.

Forscher arbeiten deshalb an einer neuen Idee: Einer Gentherapie, die den Körper selbst GLP1 Agonisten herstellen lässt. Das Ziel ist eine dauerhafte Ausschüttung des Hormons, ohne wöchentliche Injektionen oder tägliche Tabletten. Firmen wie Fractyl Health und RenBio setzen dafür auf sogenannte Adeno-assoziierte Viren (AAV). Diese Viren transportieren das Gen für GLP1 in bestimmte Zellen, die danach das Hormon produzieren sollen.

Sicherheitsbedenken bei AAV-Gentherapien

Trotz vielversprechender Ansätze gibt es bei AAV-basierten Gentherapien wichtige Sicherheitsbedenken. 2025 starben drei Patienten mit Muskeldystrophie an akutem Leberversagen nach einer Behandlung mit AAV-Gentherapien von Sarepta Therapeutics. Auch wenn das nicht bedeutet, dass GLP1-Gentherapien automatisch dieselben Risiken haben, zeigt es, wie vorsichtig man mit AAV-Viren umgehen muss.


Ein weiteres Problem ist, dass man die Aktivität der eingeschleusten Gene nicht mehr vollständig steuern kann. Wenn der Körper einmal anfängt, GLP1 zu produzieren, lässt sich die Menge nicht einfach regulieren. Zwar betonen die Firmen, dass ihre Gentherapie gleichmässigere Hormonspiegel liefern könnte als heutige Abnehmspritzen, trotzdem braucht es umfassende Langzeitstudien.

Neue Ansätze aus der Forschung

Zwei aktuelle Studien zeigen, wie innovative Konzepte als Alternativen zu einer AAV basierten GLP1 Gentherapie funktionieren könnten. Forscher der Universität Massachusetts entwickelten ein System, das auf Lipid-Nanopartikeln basiert. Diese winzigen Fettkügelchen transportieren DNA-Stücke in Fettzellen unter der Haut, wo sie die Zellen dazu bringen, GLP1-Rezeptor-Agonisten wie GLP1 und Exendin-4 selbst herzustellen. In Versuchen mit übergewichtigen Mäusen führte eine einzige Injektion der Lipid-Nanopartikel zu 14 bis 20 Prozent Gewichtsverlust, der über Monate anhielt.


Ein anderes Team aus Japan nutzte eine noch präzisere Methode: Sie kombinierten Lipid-Nanopartikel mit der Genom-Editierungstechnik CRISPR-Cas. Mit diesem Ansatz baute das Forscherteam das Gen für Exendin-4 direkt in das Albumin-Gen der Leber einbauen. Dadurch produzierten die Leberzellen dauerhaft das Hormon und gaben es ins Blut ab. Die behandelten Mäuse zeigten über 28 Wochen hinweg verbesserte Blutzuckerwerte und eine geringere Gewichtszunahme.

 

Doch auch diese CRISPR-basierte Methode bringt Risiken mit sich. Abgesehen von der Irreversibilität, kann die Genom-Editierung ungewollte Veränderungen an anderen Stellen im Erbgut verursachen, sogenannte Off-Target-Effekte. Diese könnten langfristig zu unvorhersehbaren Nebenwirkungen führen, weshalb auch hier intensive Sicherheitsprüfungen nötig sind.

Bedeutung für die Schweiz

Für die Schweiz spielt das Thema eine besondere Rolle. Der Anteil von Adipositas betroffenen Menschen stieg von 5 Prozent im Jahr 1992 auf 12 Prozent im Jahr 2022. Gleichzeitig sind moderne GLP1-Medikamente stark gefragt, was immer wieder zu Lieferengpässen führt.

Swissmedic behandelt Gentherapien generell als Hochrisikobereich, weshalb die Zulassung sehr strenge Prüfungen durchlaufen müsste. Gentherapien gegen Beta-Thalassämie und die Sichelzellkrankheit sind in der Schweiz bereits zugelassen. Diese Eingriffe korrigieren allerdings genetische Defekte, die sonst zu schweren Krankheitsverläufen führen würden mit wenigen Therapiealternativen. Die GLP1 Gentherapien hingegen zielen auf Übergewicht ab – ein Gesundheitsproblem, für das bereits verschiedene Behandlungsmöglichkeiten existieren. Dies wirft Fragen zur Priorisierung und zum angemessenen Einsatz von Gentherapien auf.

Referenzen

1. Bracchiglione J, Meza N, Franco JVA, et al. Semaglutide for adults living with obesity. Cochrane Database of Systematic Reviews 2025, Issue 10. Art. No.: CD015092. doi:10.1002/14651858

2. Franco JVA, Guo Y, Varela LB, et al. Tirzepatide for adults living with obesity. Cochrane Database of Systematic Reviews 2025, Issue 10. Art. No.: CD016018. doi: 10.1002/14651858

3. Rosenstock, JulioManghi, Federico Perez et al. Efficacy and safety of once-daily oral orforglipron compared with oral semaglutide in adults with type 2 diabetes (ACHIEVE-3): a multinational, multicentre, non-inferiority, open-label, randomised, phase 3 trial. The Lancet, Volume 0, Issue 0 (2026). doi: 10.1016/S0140-6736(26)00202-3

4. https://www.renbio.com/news_and_events/renbio-is-excited-to-provide-an-update-on-our-ultra-long-acting-glp-1-receptor-agonist-program (zuletzt abgerufen am 02. März 2026)

5. https://ir.fractyl.com/news-releases/news-release-details/fractyl-health-unveils-new-rejuvar-smart-glp-1tm-pancreatic-gene (zuletzt abgerufen am 02. März 2026)

6. Duan, Dongsheng. Lethal immunotoxicity in high-dose systemic AAV therapy. Molecular Therapy, Volume 31, Issue 11, 3123 - 3126. doi: 10.1016/j.ymthe.2023.10.015

7. https://kapadi.com/news/gene-therapy-related-mortality-mechanistic-insights-regulatory-repercussions-and-the-role-of-lentiviral-vectors-in-a-heightened-safety-landscape-1 (zuletzt abgerufen am 02. März 2026)

8. Lourie J, Goraltchouk A, Hollander JM, et al. A novel gene therapy platform for the treatment of type 2 diabetes and obesity. Mol Ther Nucleic Acids. 2025;36(4):102739. Published 2025 Oct 11. doi: 10.1016/j.omtn.2025.102739

9. Hirose, J., Aizawa, E., Yamamoto, S. et al. Targeted in vivo gene integration of a secretion-enabled GLP-1 receptor agonist reverses diet-induced non-genetic obesity and pre-diabetes. Commun Med 5, 269 (2025). doi: 10.1038/s43856-025-00959-8

10. https://www.swissdocu.ch/de/news/107-allgemeine-informationen/2705-schweizerische-gesundheitsbefragung-neue-daten-zu-uebergewicht-und-adipositas (zuletzt abgerufen am 02. März 2026)

11. https://www.pharmapro.ch/news/de/semaglutid-schweizer-apotheken-warten-noch-immer-auf-wegovy-und-ozempic-ist-kaum-noch-erhaeltlich-1951.htm (zuletzt abgerufen am 02. März 2026)

(Bild: Google Gemini)